Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Aktualisiert am 8. April 2026

Text: Jutta Berger
Der Text erschien in Ausgabe 2 (3/26). 

Lesezeit 3 Min.

Liebe, Glamour und eine Welt in Scherben

Eine riesige zerbrochene Spiegelwand wird auf der Seebühne zum Symbol für Verletzlichkeit und nahendes Unheil. Das Bühnenbild von La traviata ist für das Technikteam eine Herausforderung, die mit viel Tüftelei gemeistert wird.

Freiluftbühne mit Sitzreihen vor einer Bühne mit großem, rundem Bühnenbild und einem Kran am Seeufer bei klarem Himmel

Hoch und spitz ragt er bereits aus dem See, der symbolische Scherbenhaufen für die Bühne von La traviata. Die riesige zersplitterte Spiegelwand soll „den Blick schärfen für die Zerbrechlichkeit eines Menschen, der sich für die Liebe entscheidet und daran zerbricht“, beschreibt Regisseur Damiano Michieletto seine Idee. Zu deren Umsetzung hat Bühnenbildner Paolo Fantin mit dem Technikteam der Bregenzer Festspiele eine bewährte Tüftlergruppe an der Seite. Ihr Know-how ist das Um und Auf jeder Seebühnenproduktion. „Sehr oft sind die Ideen auf dem Papier ganz fantastisch, aber in Wirklichkeit muss man für die Seebühne zehnmal mehr technische Probleme lösen als bei einer üblichen Bühne“, erklärt Festspielintendantin Lilli Paasikivi. Es gelte, Sicherheit, Wind und Wetter zu berücksichtigen, das Bühnenbild müsse vier Jahreszeiten aushalten und zwei Saisonen.

Täuschend echter Materialmix

Schnell stand fest: Eine richtige Spiegelwand auf der Seebühne ist unmöglich. Spiegelglas wäre zu unsicher, würde blenden. So suchte man nach einem passenden Material und fand das naheliegende: Holz. Die Splitter wurden aus Holzplatten geschnitten und mit einem feinen Kunststoffgewebe beklebt, das dank Beschichtung und Farbgestaltung Spiegelflächen simuliert. So entstanden rund 700 Quadratmeter täuschend echte Spiegelfläche, zusammengesetzt aus 86 Splittern mit unterschiedlichen Maßen: der größte misst 12 Meter in der Länge und zweieinhalb Meter in der Breite, der kleinste vergleichsweise winzige 40 mal 20 Zentimeter.

Die Fertigung der Rahmen mit dem spiegelähnlich bedruckten Gewebe klingt einfach, ist es aber nicht. Ausstattungsleiterin Susanna Boehm: „Für das exakte Bekleben wurde von unserem Team eigens eine Maschine entwickelt.“ Wie auf einer industriellen Produktionsstraße wird das Gewebe exakt auf die mit Klebstoff besprühten Rahmen gepresst. Um den Glaseffekt zu verstärken, werden die sichtbaren Ränder mit grün eingefärbten Stegplatten beklebt. Diese kleinen Details tragen erheblich zum großen Sehgenuss bei.

390 Quadratmeter, also über die Hälfte der Spiegelwand, können bewegt werden.

Wolfgang Urstadt
Impressionen
Bühnenaufbau mit Stahlgerüst und runden Elementen vor einem See und bewaldeten Hügeln im Hintergrund
Stahl-Holz-Konstruktion mit schwarzen Stahlträgern und Holzbohlen auf einer Baustelle
Große Bühnenkulisse mit spitz zulaufender, teilweise mit schwarzem Muster versehener Fläche und rechteckigem Holzaufbau im Hintergrund
Bühnenaufbau mit großem, dreieckigem Bühnenbild und schwarzer Stahlkonstruktion auf einer Wasserbühne mit Kran im Hintergrund
Kran hebt orangefarbenen Lastkorb über eine große, zerbrochene Glasfläche mit sichtbaren Rissen und Bruchstellen
Freiluftbühne mit Sitzreihen vor einer Bühne mit großem, rundem Bühnenbild und einem Kran am Seeufer bei klarem Himmel
Nahaufnahme einer großen, kreisförmig zersprungenen Glasscheibe mit vielen Rissen und abgebrochenen Stücken

Wandelbare Spiegelwand

Technikdirektor Wolfgang Urstadt blickt der ersten Inbetriebnahme mit Spannung entgegen, denn: „390 Quadratmeter, also über die Hälfte der Spiegelwand, können bewegt werden. Die größten Splitter haben drei Gelenke. Öffnungen nach außen und nach innen entstehen. Plattformen erscheinen.“ Maschine und Steuerung nach dem Aufbau das erste Mal in Betrieb zu nehmen, „zu sehen, ob die Computersimulation der Bewegungen auch in Realität umzusetzen ist, das ist ein spannender Augenblick“.

Susanna Boehm verrät ein weiteres symbolträchtiges Detail der Bühne: „Eine riesige schwarze Kugel, sechs Meter im Durchmesser, gleich einem Magic Ball“ – ein starkes bildnerisches Mittel, welches das drohende Verhängnis, das über Violetta schwebt, versinnbildlicht. Mehr soll noch nicht verraten werden.

Giuseppe Verdi hatte 1853 mit La traviata (übersetzt: „Die vom Weg Abgekommene“) einen Skandal verursacht, denn erstmals stellte eine Oper eine Kurtisane in den Mittelpunkt und zeigte sie als Mensch mit Gefühlen und inneren Konflikten. Michieletto und Fantin verlagern das Geschehen in Bregenz in die Goldenen Zwanziger des letzten Jahrhunderts. Die Bühne wird zur Partylocation, das große Wasserbecken zum Infinity-Pool – für Michieletto Ausdruck einer „zynischen, kapitalistischen, faszinierenden Welt, die konsumieren will und keine Zeit zu verlieren hat“.

La traviata
Giuseppe Verdi

 

22. Juli 2026 – 21.15 Uhr Premiere
Seebühne

Einblick