Text: Babette Karner
Der Text erschien in Ausgabe 2 (3/26).
Lesezeit 5 Min.
Der erste Tanz des Sommers
Schon Monate vor der Premiere wird bei den Bregenzer Festspielen mit großer Sorgfalt und Leidenschaft an der kommenden Saison gearbeitet. Zwischen Jazzklängen, Maßbändern und Pailletten bot das Tanzcasting für La traviata bereits einen vielversprechenden Blick auf den Sommer 2026, der die Roaring Twenties auf die Seebühne bringt.

Draußen liegen die Herbstnebel über dem Bodensee, doch im Inneren des Bregenzer Festspielhauses scheint die Zeitrechnung eine andere zu sein: Hier fühlt es sich an diesem Novembertag fast an wie im Hochsommer. Tänzer:innen und Festspielpersonal eilen geschäftig durch die Gänge, auf der großen Bühne wird getanzt, gelacht und konzentriert gearbeitet. Einen Stock höher, im Saal Bodensee, haben Kostüm- und Maskenabteilung improvisierte Studios eingerichtet: Kleiderständer, Maßbänder, Spiegel und Kameras. Auf dem Programm? Das Tanzcasting für das Spiel auf dem See La traviata.
Im Saal riecht es nach Haarspray und Textilien. „Wir nehmen jetzt schon Maß für die Kostüme – dann können wir gleich mit der Arbeit anfangen. „Das ist ideal“, freut sich Lenka Radecky, die Leiterin der Kostümabteilung, und lächelt, während sie eine Zahlenfolge notiert. Frauke Gose, die Chefin der Maskenabteilung, nickt zustimmend, während sie einer Tänzerin routiniert die langen schwarzen Haare zu einem dicken Zopf flicht. Weiter hinten im Raum dreht sich eine zierliche junge Frau im rot-schwarzen Glitzeranzug vor dem großen Spiegel um die eigene Achse. Das Licht bricht sich in hunderten winzigen Pailletten – ein funkelnder Vorbote auf den Stil der neuen Inszenierung auf der Seebühne, in der sich Glamour und Melancholie begegnen werden.

Zwischen Verdi und „De-Lovely“
Unten auf der leeren, schwarzen Hauptbühne wärmt sich die zweite Gruppe der 34 Kandidat:innen auf. Das Arbeitslicht knallt grell, der Raum wirkt puristisch. La traviata-Choreograf Thomas Wilhelm zählt ein, mondäne Jazzmusik erfüllt den Raum: Ella Fitzgerald singt „It‘s De-Lovely“. „Und jetzt die Drehung!“, ruft er in den Beat.
Es ist die Ära des Jazz, der Geist der Roaring Twenties, der hier tänzerisch erprobt wird. Denn auch wenn im Sommer natürlich Giuseppe Verdi den Ton angeben wird: Die Inszenierung holt das Lebensgefühl der wilden Zwanziger an den Bodensee. Die Bewegungen lassen ahnen, wohin die Reise geht. „Ab in die Diagonale und dann: Sprung, Sprung, Sprung!“, dirigiert der Choreograph. Ein Schluck Wasser, kurzes Durchatmen, alles auf Anfang. „Hetzt nicht, gebt jeder Bewegung ihren Raum!“ Die Gruppen werden kleiner, Wilhelms Blick schärfer. Er achtet auf jedes Detail: Wie sauber sitzen die Sprünge? Sind die Arme exakt im Point? Nach dem Casting muss er entscheiden, wer im Sommer auf der Seebühne stehen wird. Bisweilen macht der Choreograph die Schritte selbst vor, fliegt förmlich durch den Raum: „Die Bewegungen müssen ineinandergleiten, dürfen nicht abgehackt wirken.“
Ein Alltag aus Warten und Disziplin
Die Atmosphäre ist international. Ein Gemisch aus Italienisch, Englisch, Spanisch und Deutsch erfüllt die Bühne. Die Bewerber:innen kommen aus ganz unterschiedlichen Welten: grazile Balletttänzer, kraftvolle Modern-Dance-Spezialistinnen, routinierte Musicaldarsteller:innen. Inzwischen glänzen die Gesichter, der Atem geht schwerer. Unzählige Male schon haben sie die Sequenz wiederholt, aber Ella Fitzgerald singt noch immer. Für Außenstehende wirkt diese Situation sehr herausfordernd, für die Tänzer:innen ist sie schlicht Alltag: die ständige Prüfung des eigenen Könnens unter den Augen derer, die entscheiden. Dann ist endlich Pause. Am Rand der Bühne liegen kleine Häufchen aus Kleidung, Rucksäcken, Schuhen und Wasserflaschen auf dem schwarzgestrichenen Boden. Lukas Fricker, der Produktionsleiter von La traviata, ist immer in der Nähe, bedient die Musik, klärt Fragen; ein ruhender Pol in diesem Wirbel aus Bewegung und Erwartung.

Vermessung der Zukunft
In den oberen Gängen sitzen derweil Tänzer:innen in einer langen Reihe und warten darauf, von Frauke Gose probefrisiert zu werden. „English, German or French?“, fragt diese und erklärt dem großgewachsenen jungen Mann auf Englisch, was sie benötigt. Auch die Maße seines Munds werden gebraucht – vielleicht bekommt seine Rolle einen Schnurrbart. „Du müsstest deine Haare wachsen lassen, wenn du genommen wirst“, fügt sie hinzu. „Wir brauchen das für die 20er-Jahre-Frisur. Ist das okay?“
Tänzer:innen aus unterschiedlichen Städten und Ländern sind an diesem nebligen Tag nach Bregenz gereist. Alle mit dem gleichen Ziel: die Sommer 2026 und 2027 am Bodensee zu verbringen. Während des Wartens werden erste Kontakte geknüpft, vielleicht sogar schon Pläne für sommerliche Wohngemeinschaften.
Janina aus der Kostümabteilung legt das gelbe Maßband sanft um die Taille der nächsten Tänzerin. „66 Zentimeter“, diktiert sie ihrer Kollegin Lena, die alles im Computer festhält. Ein prüfender Blick auf den glitzernden Overall, ein Hosenbein wird noch ein wenig nach oben geschoben. Dann ein Foto für die Kartei. „Das war’s – die Nächste bitte zum Maßnehmen.“
Am Ende des Tages kommt die gesamte Gruppe noch einmal auf der Hauptbühne des Festspielhauses zusammen. Nach einer letzten Runde in kleinen Formationen ist das Casting vorbei. Die Anspannung löst sich in einem kollektiven Ausatmen. Doch noch ist nichts entschieden, die Tänzer:innen brauchen noch ein wenig Geduld. „Lukas wird sich bei euch melden“, verabschiedet Thomas Wilhelm die jungen Künstler:innen, die ihn mit erwartungsvollen Augen ansehen. „Ihr wart eine tolle Gruppe. Bitte seid nicht zu enttäuscht, sollte es diesmal nicht klappen. Es war ein großartiger Tag mit euch.“ Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden. Die Tänzer:innen ziehen ihre Jacken an, schultern ihre Rucksäcke und verschwinden im Bregenzer Nebel – jede:r mit der Hoffnung, im kommenden Sommer ein Teil von La traviata zu sein, wenn statt Arbeitslicht ein Sonnenuntergang über dem See leuchtet.
La traviata
Giuseppe Verdi
22. Juli 2026 – 21.15 Uhr Premiere
Seebühne


