Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Aktualisiert am 10. Juni 2026

Text: Anke Rauthmann
Der Text erschien in Ausgabe 3 (6/26). 

Lesezeit 5 Min.

Ein Konzert wie ein Gang durch eine Galerie

Bilder aus Klang: Chefdirigent Petr Popelka gestaltet mit den Wiener Symphonikern einen Abend, der Gegenwart und Impressionismus mit einzigartiger musikalischer Bildkraft verbindet.

Historistische Architektur mit einem großen Torbogen und einem Turm mit drei Glocken, davor Menschen und Pferdekutschen

Das große Tor von Kiew, Viktor Hartmann

Im Zentrum des Konzerts steht die österreichische Erstaufführung von Intensity, einem hochenergetischen Orchesterwerk des Komponisten Bernd Richard Deutsch, das formale Klarheit und emotionale Wucht zu einem spannungsgeladenen Klangerlebnis verdichtet und zugleich in die Musikgeschichte zurückweist. Denn in einem der Grundakkorde blitzt das Echo von Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung auf – jenem Werk, das in Maurice Ravels farbenprächtiger Orchestrierung den Abschluss des Konzerts bildet.

 

Bernd Richard Deutsch zählt zu den markantesten und wichtigsten Stimmen der Gegenwartsmusik. 1977 in Österreich geboren, studierte er Fagott und Klavier und später Tonsatz und Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Seine Musik begeistert durch klare Strukturen, sie wirkt jedoch nie kühl, sondern kraftvoll, sinnlich und zugleich erzählerisch.

Deutsch komponiert für führende Orchester und Festivals weltweit und wurde für sein Schaffen vielfach ausgezeichnet. Charakteristisch für seine Arbeitsweise: In einer zunehmend digitalen Welt komponiert er bewusst analog und hält musikalische Ideen in handschriftlichen Skizzenbüchern fest.

Intensity entstand in den USA, in einer Phase, in der sich der Komponist während der Corona-Pandemie persönlich isoliert fühlte. Äußere Stille und innere Spannung durchdrangen einander.

Als Associate Fellow Composer des Cleveland Orchestra wurde Deutschs Intensity im Januar 2022 unter dem damaligen Chefdirigenten Franz Welser-Möst uraufgeführt und zu einem prägenden Erfolg für den österreichischen Komponisten. Das eindrucksvolle Werk ist farbenreich, energiegeladen, emotional hochintensiv und kombiniert virtuos explosive, kraftvolle Passagen mit ruhigen, introspektiven Momenten.
 

Person mit lockigem Haar und schwarzer Lederjacke vor einer Betonwand

Impressionismus in der Musik

Mit Maurice Ravel rückt anschließend einer der größten Klangzauberer der Musikgeschichte in den Fokus. Ravel, oft als Perfektionist und Meister der Orchestrierung bezeichnet, verstand Musik als Kunst der feinsten Abstufung, der leuchtenden Klangfarben und der raffinierten Harmonik.

Die Suite Nr. 2 aus Daphnis et Chloé gilt als Inbegriff seines impressionistischen Stils. Für die Ballets Russes konzipiert, entstand das Ballett, dem die Suite entstammt, in enger Zusammenarbeit mit Persönlichkeiten wie Sergei Djagilew und Vaslav Nijinsky. Dieses kreative Spannungsfeld beflügelte und erschwerte gleichzeitig den Entstehungsprozess. Ravel selbst sprach von einem „großen musikalischen Fresko“, inspiriert von einem idealisierten Bild des antiken Griechenlands. Besonders der Beginn der Suite, der berühmte Sonnenaufgang, entfaltet eine einzigartige Klangmagie: Flirrende Holzbläser, schwebende Streicher und feinste dynamische Abstufungen lassen die Natur hörbar erwachen.

Neuschöpfung mit Welterfolg

Diese Fähigkeit, Klang in Bild zu verwandeln, verbindet Ravel mit Deutsch und Mussorgski. Und so bildet schließlich Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung in der Instrumentation von Maurice Ravel den Höhepunkt des Programms. Ursprünglich 1874 als Klavierzyklus komponiert, ist das Werk eine Hommage an Mussorgskis verstorbenen Freund, den St. Petersburger Maler Viktor Hartmann. In musikalischen Miniaturen werden dessen Bilder lebendig – verbunden durch die immer wiederkehrende „Promenade“, die die Hörer:innen von Bild zu Bild führt.

Tatsächlich war es erst Ravels Orchestrierung aus dem Jahr 1922, die das Werk zu einem Welterfolg machte. Mit untrüglichem Gespür für Klangfarben übersetzte der französische Komponist die oft rohe, archaische Kraft von Mussorgskis Klaviersatz in eine schillernde orchestrale Palette. Jede Szene erhält ihre eigene klangliche Identität: vom klagenden Altsaxophon im „Alten Schloss“ bis zu den wuchtigen Blechbläsern im „Großen Tor von Kiew“. Ravels Instrumentation ist dabei weit mehr als eine bloße Übertragung – sie ist eine Neuschöpfung, die Mussorgskis Klangsprache in ein glänzendes, orchestrales Licht taucht.

Verbundene Perspektiven

So wird das Programm selbst zur Ausstellung: Deutschs Intensity, zeitgenössisch und entstanden in der Stille der Isolation und zugleich voller innerer Bewegung; Ravels Daphnis et Chloé als impressionistisches Spiel von Licht und Farbe; und schließlich Mussorgskis Bilder einer Ausstellung in jener Gestalt, die Ravel ihnen verliehen hat. Drei Werke, drei Perspektiven – verbunden durch ein feines Netz musikalischer Bezüge, das sich über mehr als ein Jahrhundert spannt.
 

Dirigent in Frack steht vor Orchester und hebt den Taktstock

Am Pult steht mit Petr Popelka ein Dirigent, der für seine energiegeladenen und zugleich differenzierten Interpretationen gefeiert wird. Seit der Saison 2024/25 Chefdirigent der Wiener Symphoniker, versteht er es, Spannungsbögen mit klanglicher Präzision zu formen. Unter seiner Leitung wird dieser Abend zu einer intensiven Reise durch leuchtende Klanglandschaften voller bildlicher Ausdruckskraft.

Petr Popelka
Wiener Symphoniker

 

10. August 2026 – 19.30 Uhr
Festspielhaus, Großer Saal