Das Gespräch führte Anke Rauthmann.
Der Text erschien in Ausgabe 2 (3/26).
Lesezeit 4 Min.
„Schließen Sie die Augen und lassen Sie sich entführen“
Für das erste Orchesterkonzert des Festspielsommers 2026 gestaltet Dalia Stasevska mit den Wiener Symphonikern ein abwechslungsreiches Konzert mit klangvollen Werken aus verschiedenen Zeiten und Ländern. Im Interview spricht die Dirigentin über musikalische Prägung, Empathie und die verbindende Kraft von Musik.

Dalia Stasevska, wir sind glücklich, Sie diesen Sommer erstmals als Dirigentin bei den Bregenzer Festspielen erleben zu können. Sie gelten als inspirierende musikalische Stimme der jüngeren Generation. Worauf freuen Sie sich, wenn Sie bald die Wiener Symphoniker dirigieren werden?
Dalia Stasevska: Ich freue mich besonders darauf, die Musiker:innen kennenzulernen und mit so einem herausragenden Orchester gemeinsam Musik zu machen. Als ich 20 Jahre alt war, habe ich einen Sommer als Violinstudentin in Wien verbracht und erinnere mich noch lebhaft daran, ein Konzert der Wiener Symphoniker besucht zu haben. Seit jenem Sommer ist viel Zeit vergangen, und es fühlt sich sehr besonders an, nun in dieser neuen Rolle zurückzukehren.
Lassen Sie uns über die Werke sprechen, die Sie in Bregenz dirigieren werden: Sie haben ein abwechslungsreiches Programm ausgewählt mit Antonín Dvořáks berühmter 9. Symphonie Aus der Neuen Welt als Höhepunkt. Wie nähern Sie sich diesem Stück, sodass es heute frisch und persönlich wirkt?
Obwohl diese Symphonie zu den am häufigsten aufgeführten überhaupt gehört, bin ich fest davon überzeugt, dass große Musik immer wieder Neues zu bieten hat. Dvořák hat sie mit einem außergewöhnlichen Ausdrucksreichtum komponiert: Größe und Nostalgie, innigste lyrische Momente im Kontrast zu rhythmischer Vitalität, viel Hoffnung und Freude sowie ein Gefühl von Staunen und Offenheit. Diese Symphonie ist eine echte Naturgewalt!
Dvořák hat die vielfältigen kulturellen, ethnischen sowie auch landschaftlichen Impressionen aus seiner USA-Reise musikalisch in diese Symphonie einfließen lassen. Sie selbst sind in der Ukraine geboren, haben Ihre frühe Kindheit in Estland verbracht, und sind dann mit Ihrer Familie nach Finnland ausgewandert sind. Eröffnet Ihnen Ihr persönlicher multikultureller Hintergrund einen besonderen Zugang zu diesem Werk?
Ich empfinde es als großes Glück, in multikulturellen und sehr unterschiedlichen sozioökonomischen Umfeldern aufgewachsen zu sein. Ja, ich glaube, dass mein Hintergrund stark prägt, wie ich Musik im Allgemeinen erlebe. Themen wie Identität, Distanz und Zugehörigkeit – die eigenen Wurzeln in sich zu tragen und zugleich Neues zu entdecken – sprechen mich sehr an.
Kunst bedeutet für mich nicht nur Klang oder Ästhetik – sie steht für Verbindung, Menschlichkeit und Sinn.
Ciel d’hiver der 2023 verstorbenen finnischen Komponistin Kaija Saariaho ist ein Werk, das Ihnen sicherlich persönlich besonders nahe ist. Es ruft eine tief winterliche, fast meditative Stimmung hervor. Welches Erlebnis möchten Sie dem Publikum beim Hören vermitteln?
Wenn ich Ciel d’hiver dirigiere, stelle ich mir keine konkrete Geschichte oder ein bestimmtes Bild vor. Vielmehr denke ich an eine Atmosphäre – daran, wie man sich in einer klaren, kalten Nacht fühlt, wenn man in den Himmel blickt. Den Klangfarben schenke ich größte Aufmerksamkeit – sie sind essenziell in Kaijas Musik. Dieses Werk hat stets eine sehr starke Wirkung auf die Zuhörer:innen, daher lautet mein einziger Rat: Schließen Sie die Augen und lassen Sie sich in die magische Welt entführen, die Kaija für uns geschaffen hat.
Lili Boulangers Faust et Hélène für Orchester, Mezzosopran, Tenor und Bariton schafft einen spannenden Kontrast. Boulanger war erst 19 Jahre alt, als sie 1913 mit dieser Komposition als erste Frau überhaupt den renommierten Prix de Rome gewann. Ihre Musik ist spätromantisch geprägt und bemerkenswert originell, mit einer außergewöhnlichen Bandbreite an Farben und Spannungen – fast eine Oper in hochintensiver, verdichteter Form. Dennoch wird Faust et Hélène nur selten aufgeführt. Woran liegt das?
Lili Boulangers Musik ist für ein breiteres Publikum noch immer vergleichsweise „neu“. Sie war eine immens talentierte und originelle Komponistin, zugleich aber auch eine Frau – die ihr gebührende Anerkennung hat sich deswegen erst verzögert eingestellt. Faust et Hélène ist ein faszinierendes Werk, und ich freue mich sehr darauf, es gemeinsam mit den Wiener Symphonikern zu erarbeiten!

Sie engagieren sich auch als Aktivistin für gesellschaftlichen Wandel, Zusammenhalt und Demokratie – in Finnland wurden Sie für Ihre Solidarität mit den Menschen in der Ukraine als „Europäerin des Jahres“ ausgezeichnet. Können Sie beschreiben, was Ihr Aktivismus für Sie bedeutet und inwiefern er Ihre künstlerische Arbeit beeinflusst?
Für mich ist Aktivismus etwas zutiefst Persönliches. Er entspringt einem Gefühl von Empathie und Verantwortung – ich habe eine Stimme, also sollte ich sie nutzen. Die Unterstützung der Ukraine und das Eintreten für Menschenrechte sind nichts, was getrennt von meinem Leben oder meiner Arbeit existiert; sie sind Teil von mir. Kunst bedeutet für mich nicht nur Klang oder Ästhetik – sie steht für Verbindung, Menschlichkeit und Sinn.
Dalia Stasevska wurde in der Ukraine geboren und wuchs in Finnland auf, wo sie zunächst Violine und Komposition studierte, später Violine, Viola und Dirigieren unter anderem an der Sibelius-Akademie. Sie war von 2021–2025 Chefdirigentin des Lahti Symphony Orchestra und Künstlerische Leiterin des Internationalen Sibelius-Festivals. Zudem ist sie Erste Gastdirigentin des BBC Symphony Orchestra.


