Das Gespräch führte Elisabeth Merklein.
Der Text erschien in Ausgabe 3 (6/26).
Lesezeit 6 Min.
„Wir würfeln alles durcheinander“
Wie entsteht aus einer 194 Jahre alten Oper ein modernes Highschool-Drama? Mit einem ungewohnten Blick auf Gaetano Donizettis L’elisir d’amore gibt die gefeierte finnische Regisseurin Anna Kelo ihr Debüt in Bregenz. Im Interview verrät sie, was sie an der Generation Z fasziniert, warum der Regieberuf eigentlich ihre letzte Wahl war – und weshalb Belcanto für sie Fluch und Segen ist.

Frau Kelo, Sie inszenieren Donizettis L’elisir d’amore als Coming-of-Age-Geschichte an einer Highschool. Wie funktioniert diese Transformation?
Anna Kelo: Überraschend gut! Die Idee ist, ein High-school-Drama zu zeigen, wie jede Generation ihres hat – ob Grease in den 70er-Jahren oder Sex Education auf Netflix. Diese Serie hat mich stilistisch sehr inspiriert: lustig, verwirrend, berührend, aber auch ein bisschen furchtbar und tragisch, wie es in jungen Jahren eben so ist. Und ich finde es spannend zu erforschen, was es mit der jungen Generation auf sich hat – was sind sie jetzt, Y oder Z? Jedenfalls können die jungen Leute heutzutage sein, wer sie wollen, und mögen, wen sie wollen, Gott sei Dank. Sie müssen sich nicht mit einem bestimmten Geschlecht oder Label identifizieren. Macht das die Dinge nun einfacher oder komplizierter? Das ist die Frage, ich weiß es nicht.

Gibt es Figuren oder Szenen, die Sie vollkommen anders verstehen als gemeinhin üblich?
Ja, alle! Es wird eine völlig andere Geschichte werden. Wir würfeln alles durcheinander. Dazu passt auch, dass wir keinen großen Chor haben werden. Unser Chor wird nur aus elf Personen bestehen, die alle ihre eigene Rolle, ihren eigenen Namen haben. Die Figuren verlieben sich kreuz und quer, die Hormone spielen verrückt – und werden Adina und Nemorino am Schluss wirklich ein Paar? Wir werden sehen!
Wie wird das auf der Bühne umgesetzt, wie kreiert man Highschool-Atmosphäre?
Es ist keine deprimierende Highschool mit Betonwänden, sondern eine freundliche, fröhliche Highschool: realistisch, aber auch ein bisschen übertrieben und verspielt. Meine großartige Bühnen- und Kostümdesignerin Tinde Lappalainen hat eine sehr farbenfrohe Welt geschaffen. Der erste Akt spielt auf einem Schulhof mit Basketballkorb, im zweiten Akt gibt Adina dann eine Party bei sich zu Hause im Wohnzimmer. Und eigentlich verwende ich nur ungern Handys auf der Bühne, aber wenn wir von den jungen Leuten von heute sprechen, geht es nicht anders. Alle haben eines in der Hand. Es gibt sogar ein Paar, bei dem die gesamte Beziehung nur über das Handy stattfindet.

Ist das nicht alles recht weit entfernt von dem baskischen Dorf im frühen 19. Jahrhundert, wo das Libretto im Original angesiedelt ist?
Um ehrlich zu sein: Die Geschichte ist ja ein bisschen albern. Ich finde nicht, dass die erfolgreichsten Belcanto-Komponisten die besten Dramaturgen waren. Die Musik ist wunderschön, aber sie trägt die Handlung nicht so komplex wie etwa bei Puccini, Verdi oder Wagner. Der Regie gibt das Freiheit – denn für mich ist die Musik immer am wichtigsten, wichtiger als das Libretto, weil man nicht dagegen ankämpfen kann. Wer gegen die Musik kämpft, verliert immer. Donizettis Musik macht vieles möglich, weil sie keine klaren Anweisungen gibt. Als mir die Idee zu meinem Konzept kam, habe ich mir die Oper angehört, sie studiert und mich gefragt: Ist das möglich, kann das funktionieren? Und ich habe schnell gemerkt: Ja, absolut!
Gibt es eine Frage, die Sie Donizetti gerne stellen würden, wenn Sie ihn zu einer Probe einladen könnten?
Ja, warum müssen immer alle so oft das Gleiche singen? Meine Güte! All diese Arien und Duette, das ist wie Stimmakrobatik. Es hat nichts mit der Geschichte und dem Text zu tun, es geht nur darum, wie viele verschiedene Koloraturen man singen kann, fast wie ein Sport oder eine Zirkusnummer. Weniger wäre manchmal mehr, finde ich!
Wie gehen Sie denn als Regisseurin mit all diesen Wiederholungen um?
Ich brauche mehr als nur die Musik, damit es mich berührt. Mit der Inszenierung muss ich eine Bedeutung für die Musik schaffen, sodass sie für mich Sinn ergibt. Damit ich verstehe, warum jemand etwas 27-mal sagt. Ich muss mir einen Reim darauf machen können – für mich, für die Darstellenden und schließlich für das Publikum. Das ist ein Prozess, der sicher bis zur Generalprobe dauern wird.
Wer gegen die Musik kämpft, verliert immer.
L’elisir d’amore ist eine Produktion mit den jungen Nachwuchstalenten des Opernstudios. Ist das in Ihre Inszenierung mit eingeflossen?
Ja, mir ist wichtig, dass sie die Erfahrung machen können, verschiedene Dinge zu spielen und darzustellen. Und zwar nicht auf die traditionelle Opernweise, sondern eher wie im Film oder im Fernsehen. Ich denke, das macht es interessant und vielleicht auch motivierend für die Teilnehmenden – und um sie geht es ja in erster Linie, weniger um mich und mein Konzept.
Haben Sie einen Rat für die jungen Sänger:innen, den Sie selbst zu Beginn Ihrer Karriere gerne gekannt hätten?
Das ist schwer. Der Unterschied zwischen den Generationen ist so groß, die Welt hat sich so sehr verändert – was man sagen und denken darf und was nicht … Die Probleme, die ich als junge Künstlerin hatte, waren völlig anders als die Schwierigkeiten der jungen Leute heute. Klar könnte ich ihnen jede Menge Ratschläge geben, aber ich denke nicht, dass sie darauf hören sollten – sie sollten sie ignorieren.

Wussten Sie zu Ihrer eigenen Schulzeit als Teenie bereits, dass Sie einmal Opernregisseurin werden wollen?
Um Himmels willen, nie im Leben! Alles, nur das nicht! Meine Eltern sind beide klassische Musiker:innen, mein Vater war Dirigent und meine Mutter ist Pianistin – ich habe Opern gesehen, bevor ich mir Filme angeschaut habe. Ich bin in diesem Milieu aufgewachsen, seit meiner Geburt darin mariniert worden. Ich wollte ausbrechen! Aber ich weiß nicht, was es ist, vielleicht die Gene, irgendetwas hat mich zurückgezogen. Außerhalb meiner Arbeit höre ich aber trotzdem keine Opernmusik oder generell klassische Musik, wenn ich es vermeiden kann.
Welche Musik hören Sie stattdessen in Ihrer Freizeit?
Ich höre gar nicht so viel Musik – vor allem wenn ich gerade an einer Inszenierung arbeite, weil dann mein Kopf voll ist. Ich bin Buddhistin und gebe auch Yoga- und Meditationsunterricht, da setze ich gerne Musik ein. Jeden Morgen, wenn ich Yoga mache, höre ich Musik. Aber das ist Ambient Music, also Hintergrundmusik ohne aktives Zuhören.
Mit L’elisir d’amore geben Sie Ihr Debüt bei den Bregenzer Festspielen. Waren Sie schon einmal hier, kennen Sie Bregenz ein bisschen?
Ich war vor zwei Jahren zum ersten Mal in Bregenz, ich habe den Freischütz auf der Seebühne gesehen und Gianni Schicchi im Theater am Kornmarkt. Und ich bin im Bodensee geschwommen, das Wetter war herrlich, es war wunderbar!
Aus welchen Zutaten würden Sie selbst einen „elisir d’amore“, einen Liebestrank, brauen?
Aus Neugier, Empathie und Toleranz.
Anna Kelo studierte an der heutigen Russischen Akademie für Theaterkunst in Moskau und ist seit 1998 Erste Regieassistentin an der Finnischen Nationaloper. Sie betreute in der Spielzeit 2016/17 die Bühnenregie von Götz Friedrichs Der Ring des Nibelungen in Tokio. Ihre folgende eigene Inszenierung der Ring-Tetralogie wurde international gefeiert. Gemeinsam mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Tinde Lappalainen entwirft Anna Kelo für L’elisir d’amore eine junge, bunte Welt.


