Text: Ingrid Lughofer
Der Text erschien in Ausgabe 2 (3/26).
Lesezeit 4 Min.
Spielen, bis der Arzt kommt
Zeitgenössische Sprache und trotzdem à la Molière? Der Inhalt unverändert und zugleich hochmodern? Die kurzweilige Komik des Originals weiterhin zentral? Die Autoren Barbara Sommer und Plinio Bachmann zeigen in ihrer Überschreibung der Komödie Der eingebildete Kranke, wie das gelingt.

Am ersten Festspielwochenende wird im Theater am Kornmarkt nach allen Regeln der Kunst herumgedoktert: Das Burgtheater bringt Molières Der eingebildete Kranke auf die Bühne. Die Inszenierung stammt ursprünglich aus Köln, wo Regisseur Stefan Bachmann bis 2024 Intendant war, und wechselte mit ihm ans Wiener Burgtheater, wo er nun als Künstlerischer Direktor wirkt. Mit dabei: überbordende expressionistische Spielfreude, fantasievolle Kostüme und eine das Bühnenbild dominierende Chaiselongue. Und Schauspieler:innen, die in den typenhaft stilisierten Figuren brillieren.

Kampf der Narrative
„Molière greift Stereotype auf, die auch heute noch stimmen, doch ihre Sprache ist für uns nicht mehr zeitgemäß“, erklärt die Autorin Barbara Sommer den Anstoß zur neuen Fassung. Dabei blieb das Schreibduo, das auch privat ein Paar ist, nah am Urtext sowie am dramaturgischen Aufbau, doch die Figuren wurden modernisiert. „Wir haben überlegt, wer denn diese holzschnittartigen Commedia-dell‘arte-Typen heute sein könnten, und fanden zeitgenössische Entsprechungen, die wir sprachlich zuspitzten.“
Die Handlung in Kürze: Der Hypochonder Argan fühlt sich von den Behandlungen seines Arztes abhängig und möchte deshalb seine Tochter Angélique mit einem Mediziner verheiraten. Doch die liebt Cléante. Ihre Stiefmutter Béline wartet auf das Erbe und Argans Bruder Béralde hat jede Menge Tipps auf Lager. Und dann gibt es noch die Bedienstete Toinette, die im Zentrum steht: „Sie treibt wie eine Art Regisseurin mit einer großen manipulativen Kraft ihr Unwesen und nützt es aus, dass alle in ihren eigenen Filmen unterwegs sind.“
Sommer spricht damit das Kernthema an: „Die Figuren bilden eine dysfunktionale Familie. Es gibt keine gemeinsame Realität mehr, jede Figur verfolgt nur ihre eigenen Interessen. Das ist im Kleinen ein Abbild von heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen.“ Bachmann ergänzt: „Es ist ein Kampf der Narrative. Der regierende Präsident der Vereinigten Staaten führt täglich vor, dass es nicht mehr darum geht, die Wahrheit zu sagen, sondern einfach sein Narrativ rauszuballern.“

Sprache als Waffe und Maske
Genau so agieren die zur Karikatur überzeichneten Figuren, die sich durch ein jeweils eigenes Sprachgenre ausdrücken. „Angélique setzt ihre Hypersensibilität als Waffe ein, Cléante wendet seine woke Sprache destruktiv auf sich selber an. Aus Béralde, bei Molière die Stimme der Vernunft, wird ein Verschwörungstheoretiker am rechtsesoterischen Rand, und Argan terrorisiert alle mit seiner Opferrhetorik. Es ist eine aktuelle Taktik, sich als Opfer zu inszenieren und dadurch Macht und Einfluss zu gewinnen“, so Bachmann. Nur Toinette nimmt wie ein Chamäleon die Sprechweisen der anderen auf, um die jeweils gewünschte Reaktion zu erzielen.
Das Vorbild für Molière, der 1673 mit Der eingebildete Kranke sein letztes Stück schrieb, war Ludwig XIV., der „Sonnenkönig“, der Zeit seines Lebens den Torturen seiner Leibärzte ausgeliefert war. Auch in der Wiener Fassung geht es Argans Ärzten darum, Therapieerfolge gegen hohe Honorare zu versprechen, während die Diagnose völlig austauschbar ist.
„Die Komödien-Mechanik bei Molière funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk“, ist Bachmann vom Clownesken fasziniert: „Argan spielt, er sei tot, und plötzlich schreit er: ‚Huhu, ich bin noch am Leben‘.“ Humor und Situationskomik fehlen nicht und da sich Argan ständig rektale Einläufe machen lässt, sind fäkale Wortspiele naheliegend. Durch die Crossgender-Besetzung fallen einige Pointen nochmal komischer aus.
Theater ist Balsam für die Eingeweide!
Reibung und Metaebene
„Während des Schreibens haben wir nur gewusst, dass Argan von einer Frau gespielt werden wird. Für uns ist das unerheblich, die Reibungen zwischen den Personen zählen.“ Die beiden sind ein eingespieltes Drehbuch-Paar, warfen sich für die Molière-Bearbeitung die Bälle pingpongmäßig zu und schätzten die Rückmeldungen von Stefan Bachmann und Dramaturg Thomas Jonigk.
Die Sprache bleibt barock, verspielt und witzig. „Doch so lustig das Stück ist, das Thema Tod schwingt immer mit“, weist Sommer auf die ständigen Ängste von Argan hin. Wirklich gestorben ist allerdings Molière, er spielte in der Uraufführungsserie 1673 schwerkrank die Titelrolle, erlitt während der vierten Vorstellung auf der Bühne einen Blutsturz und starb wenige Stunden später noch im Kostüm.

Wie bereits Molière das Stück als Theater im Theater platziert, bauen auch Sommer und Bachmann die Metaebene ein und lassen Argan sagen: „Und wie erklärst Du Dir dann, dass Molière selbst, während er mich gespielt hat, auf offener Bühne verreckt ist? ... Ich will dieses Stück überleben! Verstehst Du? ... Spielen wir es doch einfach zu Ende.“
Doch wie wird das Ende sein? Bleibt Argan restlos verblendet und entfremdet von der Realität zurück oder wird er als ein sich selbst heilender Arzt und damit im ewigen Kreislauf seiner eigenen Verdauung glücklich? Die Auflösung zeigt die Premiere am 24. Juli im Theater am Kornmarkt.
Der eingebildete Kranke
Molière
24. Juli 2026 – 19.30 Uhr Premiere
Theater am Kornmarkt

