Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Aktualisiert am 24. April 2026

Das Gespräch führte Anke Rauthmann.
Der Text erschien in Ausgabe 2 (3/26). 

Lesezeit 5 Min.

Seiner Zeit voraus …

Leoš Janáčeks Oper Die Ausflüge des Herrn Brouček zählt zu den originellsten Opern des 20. Jahrhunderts. Unter der surreal-burlesken Oberfläche verbirgt sich ein Nerv der Zeit und die unbequeme Frage, wohin wir eigentlich wollen. Der US-Amerikaner Yuval Sharon – von der New York Times als „visionärster Opernregisseur seiner Generation“ gefeiert – bringt Janáčeks Ausnahme-Werk als Neuinszenierung auf die große Bühne des Festspielhauses. Dramaturgin Anke Rauthmann spricht mit ihm über seinen Regieansatz.

Mann mit hochgekrempeltem Hemdärmel sitzt vor einer metallischen Wand mit Treppengeländer

Sie haben einen ganz besonderen Bezug zu den Bregenzer Festspielen. Schon 2009/10 zu Beginn Ihrer Karriere waren Sie bei Aida auf dem See Regieassistent von Graham Vick. Was verbinden Sie mit Bregenz, gab es einen Schlüsselmoment?

Yuval Sharon: Ich erinnere mich noch genau an das Bühnenbild von Ein Maskenball im Jahr 1999 – dieses Skelett, das mit dem riesigen Buch und all den kleinen Menschen aus dem Wasser aufzutauchen schien. Damals studierte ich in Berkeley und hatte mehr Bezug zu Film und Theater als zur Oper, die ich für ein wenig altmodisch hielt. Als ich dann dieses Foto aus Bregenz in der Presse sah, dachte ich: „Oh mein Gott, das gibt es wirklich?!“ Es war der Auslöser, um ein Jahr zum Studium nach Europa zu gehen und mit einem völlig neuen Blick auf das Genre Musiktheater zurückzukehren. Denn mir wurde bewusst, dass man in der Oper beides haben kann: große Bilder, Metaphern, Abstraktion – und Emotion, Tiefe, Identifikation.

Miniaturfigur steht vor einem schräg aufgestellten, offenen Modell eines Raumes mit Treppe und Fernseher unter einer hängenden Erdkugel

Ein idealer Übergang zu Janáčeks Oper Die Ausflüge des Herrn Brouček, welche beißende Gesellschaftskritik mit tiefer Menschlichkeit verbindet: Der Prager Bürger Matěj Brouček, der nichts mehr liebt als seine Ruhe und ein gutes Bier, macht unfreiwillig eine höchst verrückte Reise. Er findet sich erst auf dem Mond wieder und dann, zurück auf der Erde, im 15. Jahrhundert! Wie war die Herangehensweise an so ein Stück?

Wir möchten, dass die Inszenierung etwas Wundersames hat und haben uns stark vom tschechischen Dadaismus und absurden Theater inspirieren lassen. Brouček, ein typischer Kleinbürger, trifft auf eine irrationale Welt – doch sein Geist öffnet sich nicht dafür. Und genau das kritisiert Janáček: diese selbstzufriedene Engstirnigkeit, dieses Denken: „Ich weiß eh schon alles“. Doch statt sich nur über solche Leute lustig zu machen, zeigt Janáček, dass wir alle in unserer kleinen Komfortzone leben. Und wenn wir mit etwas Fremdem konfrontiert werden, ziehen wir uns zurück – statt neugierig zu bleiben. Könnten wir nicht aufgeschlossener, mutiger und offener sein?

Die Oper ist in zwei Teilen komponiert, die sehr unterschiedlich sind und im Abstand von zehn Jahren komponiert wurden ...

Der erste Teil ist von Janáčeks warmherzigem und sehr originellem Humor geprägt: Brouček wird einfach auf den Mond katapultiert! Das ist fantastisch, kindlich-naiv, und steht im völligen Kontrast zur Schwere vieler Opern der damaligen Zeit. Und doch ist die Musik hochkomplex und voller Raffinesse. Janáček zeigt sich in dieser Hinsicht wie Mozart: scheinbar leicht – aber in Wahrheit tiefgründig und anspruchsvoll. Die Komposition zeugt von einem überwältigenden musikalischen Reichtum. Man kann sich einfach mitreißen lassen: vom Staunen, vom Spiel, von der Freude. Wir wollen unser Publikum gerne mitnehmen auf diesen wilden Ritt!

Im zweiten Akt verändert sich dann die Tonlage: Matěj Brouček begegnet nicht mehr Außerirdischen, sondern der Vergangenheit seines eigenen Landes. Und das Verstörende dabei ist, dass, obwohl er auf Menschen aus seiner eigenen Geschichte trifft, diese ihm noch fremder erscheinen als die Wesen vom Mond. Es sind seine eigenen Leute, die seine eigenen Wurzeln verkörpern – aber sie bedeuten ihm nichts. Diese Menschen stehen für Ideale, die er nicht versteht und zu denen er keinen Zugang hat.
 

Zwei Personen stehen in einer Werkstatt mit Holzkonstruktionen im Hintergrund, eine trägt ein kariertes Hemd und die andere ein langärmeliges Shirt mit hochgekrempelten Ärmeln

In Zusammenarbeit mit dem vielfach preisgekrönten Londoner Bühnen- und Kostümbildner Jon Bausor verspricht die Inszenierung, auch visuell sehr stark zu werden. Ein Bild von zentraler Bedeutung ist dabei eine Box. Ein Sinnbild für die eigene Blase, in der man lebt?

Ob wir es Blase nennen oder Box – wir bauen uns Zäune und haben es uns in unserer eigenen Welt bequem eingerichtet. Aber genau das schränkt uns ein. Dem Neuen und Unbekannten stülpen wir irgendwelche Erklärungen über, weil unsere Vorstellungskraft so armselig ist. Janáček beobachtet das und zeigt uns unsere Schwächen – nicht zynisch, sondern mit viel Menschlichkeit und Mitgefühl.

Wenn wir aufhören, neugierig auf die Welt zu sein, oder wenn wir nicht mehr nach unseren Wurzeln oder unserer Vergangenheit suchen, dann beginnen wir, innerlich zu sterben. Und genau das macht diese Oper heute so aktuell. Brouček hat den Bezug zu seiner eigenen Geschichte verloren. All die Generationen vor ihm haben gelebt, gekämpft, gerungen – damit jemand wie er in Ruhe essen und trinken kann. Und er interessiert sich nicht dafür. Das ist tragisch!

Im Deutschen gibt es dafür ein starkes Wort: „geschichtsvergessen“.

Das trifft es genau. Denn wer seine Geschichte vergisst, nimmt all den Menschen vor ihm ihre Würde. Und diese wichtige Botschaft vermittelt Janáček mit Leichtigkeit und Komik und gleichzeitig mit viel Tiefe. Es beginnt mit Dada und burlesker Albernheit, doch im zweiten Teil wird die Musik dann aufwühlend und führt uns an einen zutiefst bewegenden Ort.

Wenn wir aufhören, neugierig auf die Welt zu sein oder unsere Wurzeln zu suchen, beginnen wir, innerlich zu sterben.

Yuval Sharon

Heute sehen wir diese Geschichtsvergessenheit zunehmend in gesellschaftlichen Strömungen … war Janáček demnach ein Visionär?

Ich glaube, ab einem bestimmten Zeitpunkt ist das zentrale Thema all seiner Opern die Begrenztheit der menschlichen Wahrnehmung. Brouček ist in dieser Hinsicht ein Wendepunkt in Janáčeks kompositorischem Schaffen, denn danach schrieb er in schneller Folge Das schlaue Füchslein, Die Sache Makropulos, Aus einem Totenhaus – alles Werke, die sich mit der Welt jenseits unserer engen Sichtweise beschäftigen.

Und vielleicht ist das überhaupt die größte Qualität der Oper: dass sie uns helfen kann, über den Rand unserer eigenen Wahrnehmung hinauszublicken.
 

Mann sitzt auf Sofa und schreibt in Notizbuch vor einem Tisch mit mehreren geöffneten Büchern und einer Tasse

Der US-amerikanische Regisseur Yuval Sharon inszeniert dieser Tage Wagners Tristan und Isolde an der New York Metropolitan Opera. Als Gründer der Theatergruppe The Industry in Los Angeles hat Sharon neue Opern in fahrenden Fahrzeugen, aktiven Bahnhöfen und in verschiedensten „Nicht-Orten“ inszeniert und produziert. Er ist Künstlerischer Leiter der Detroit Opera und hat sich mit A New Philosophy of Opera auch als Buchautor einen Namen gemacht. Im Sommer 2026 führt er erstmals bei den Bregenzer Festspielen Regie.

Die Ausflüge des Herrn Brouček
Leoš Janáček

 

23. Juli 2026 – 19.30 Uhr Premiere
Festspielhaus, Großer Saal