Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Aktualisiert am 8. April 2026

Text: Kathrin Grabher
Der Text erschien in Ausgabe 2 (3/26). 

Lesezeit 5 Min.

80 Jahre Neuland

Von Anfang an waren die Bregenzer Festspiele ein Ort für Neugier, Begeisterung und große Ideen. Diesen Sommer feiert das Festival sein 80-jähriges Jubiläum – Zeit für einen kurzen Rückblick auf die Baugeschichte seines bekanntesten Wahrzeichens: die Seebühne.

Frau in Rock und Pullover steht barfuß auf einer großen, unregelmäßigen Skulptur und hält einen kleinen Eimer in der Hand

Maria Wanda Milliore, 1946

1946 – Die hohe Kunst der Improvisation


Im Grunde hat der erste Funke die Festspielgeschichte bis heute überdauert: Die großen Ideen kommen zuerst – die Umsetzung wird sich dann finden. Anfangs werden für die Seebühne zwei Schotterschiffe mit Ketten verbunden; mit Holzbalken aus dem alten Kornhaus errichten Handwerker darauf eine Plattform. Doch der Prototyp hält nicht lange. Ein Sturm reißt die Bühne auseinander.

 

Im zweiten Anlauf werden die Schiffe separiert: eines wird zur Bühne; das kleinere, vorgelagerte, zum Spielort für das Orchester. Die aus Wien nach Vorarlberg geflüchtete Bühnenbildnerin Maria Wanda Milliore übernimmt die Ausstattung. Schmuckstück der Bühne ist ein mit Glühbirnen besetzter Bogen, der allen Zweifeln zum Trotz die ganze Spielzeit überdauert.

Mit Bänken und Fässern – Leihgaben der Gasthäuser und Brauereien – werden am Ufer Sitzreihen arrangiert. Auf ihnen lauschen an zwei Abenden über 8.000 Menschen dem ersten Spiel auf dem See: Mozarts Singspiel Bastien und Bastienne.

Schwarz-weiße Aufnahme eines mit Ornamenten geschmückten Bootes auf einem See vor bewaldeten Hügeln und einem Baum im Vordergrund

Bastien und Bastienne, 1946

1947 – Kultur im Strandbad

Nach dem großen Erfolg und einem finanziellen Plus von knapp 4.000 Schilling gibt es 1947 eine Fortsetzung. Die neue Seebühne wird auf Piloten im Strandbad errichtet. Neben skeptischer Blicke mancher Badegäste bringt die Lage praktische Vorteile: Garderoben für die Mitwirkenden und einen kontrollierbaren Zugang während der Proben und Bauarbeiten.

Zwei Jahre später wird hier die nach ihrem Stifter benannte „Deuring-Tribüne“ mit rund 5.000 Sitzplätzen errichtet. Der Standort bleibt umstritten: Gegner sprechen von einer Verschandelung des Ufers, Befürworter bemängeln die Wasserqualität des Strandbads – was ohnehin mehr für Festspiele als für ein Freibad spreche ...

Ich hatte gleich schon Zweifel, ob dies bei Seegang halten wird, aber die Herren behaupteten, dass es hält.

Andreas Mühlebach, Gastwirt und ehemaliger Zimmermeister über den Bau der ersten Seebühne 1946

1950 – Wohin mit dem Publikum?

Schließlich zieht die Seebühne mitsamt ihrer Tribüne auf ein benachbartes Freigelände um. Doch bereits 1951, mit dem überwältigenden Erfolg der Strauss-Operette Der Zigeunerbaron (bei der die Stadtpolizei allein an einem Abend über 1.000 Autos, 82 Motorräder und 140 Fahrräder zählt) wird klar: Der Platz reicht nicht aus. So entsteht im Jahr darauf durch eine massive Kiesschüttung ein Amphitheater mit 6.700 Plätzen – das dauerhafte Zuhause der Festspiele für über zwei Jahrzehnte.

Die Seebühne selbst hat inzwischen mehrere fest pilotierte Inseln sowie schwimmende, mit Unterwasserseilzügen bewegliche Elemente. Jahr für Jahr werden sie je nach szenischer Idee verändert und erweitert.

Schwarz-weiße Luftaufnahme eines Freilichttheaters mit Wasserbühne und mehreren Sitzreihen

Der Vogelhändler, 1952

Die 1950er – Entdeckungsreise am See

Die 50er-Jahre sprühen vor künstlerischem Einfallsreichtum und technischer Experimentierlust. Inszenierungen werden aufwendiger, die Feuerwehr hilft bei der Umsetzung von Wasserspielen und Fontänen.

Der Vogelhändler 1952 setzt erstmals auf bewusst überhöhte Proportionen: Das Orchester nimmt in einer riesigen sich öffnenden Muschel Platz. Die Entfernung der Wasserfontänen zum Publikum ist allerdings zu knapp bemessen: Es erhält eine unfreiwillige Dusche.

Ein selbstbewegliches Schiff wird 1957 zum Star in Zar und Zimmermann. Begleitet von spektakulärem Bengalfeuer fährt Zar Peter der Erste damit auf den See hinaus. Das Schiff wird in folgenden Inszenierungen wiederverwendet. Regisseur Adolf Rott rechnet sich aus, dass es größer sei als die „Santa Maria“, mit der Columbus Amerika entdeckt hatte.

1958 steht mit Die verkaufte Braut zum zweiten Mal in Folge eine Oper auf dem Programm. In der Zirkusszene treten echte Artist:innen auf, der Heiratsvermittler Kezal wird zur Begeisterung des Publikums ins Wasser geworfen – für den Stunt springt ein Statist ein. Doch der Erfolg des Stücks bleibt aus, man kehrt zur Operette zurück. 1959 wird in Tausendundeine Nacht ein Wasservorhang zur Projektionsfläche, Premiere für Wassereffekte als szenische Elemente im Bühnenbild.

Bühnenbild mit Brücke, Schiffen und vielen Figuren auf einer Wasserfläche bei Dämmerung

Tausendundeine Nacht, 1959

1965 – Technisches Wunderwerk

Schock rund zwei Wochen vor Probenbeginn für Eine Nacht in Venedig: Die Seebühne wird durch Sturm und Hochwasser völlig zerstört. In einem Kraftakt wird sie neu gebaut und um eineinhalb Meter aufgestockt.

Die Bühne misst mittlerweile inklusive der bespielbaren Wasserflächen rund 40.000 Quadratmeter. Mehr als 4.000 Kubikmeter Holz sind verbaut, 1.500 Quadratmeter Faserplatten, Kunststoffplanen und Stoffverkleidungen. Besonders während der Proben erfordern die Dimensionen gute Kommunikation. 1967 gibt es 25 Telefone, 9 Gegensprechanlagen, 10 Funkgeräte, und – wenn nichts mehr hilft – ein Megaphon. Auch für das Publikum sorgt eine Akustikverbesserungsanlage für guten Klang. Das Gerücht, alle Pumpen der Bühne seien dereinst ausgefallen, weil sie sämtliche Bodenseefische eingesaugt hätten, verweist der technische Leiter ins Reich der Schauermärchen.

1978 – Der Beginn einer neuen Ära

Am 19. August 1978 geht auf dem alten Festspielgelände die letzte Vorstellung über die Bühne – der Bau des Festspielhauses beginnt. Bereits 1979 spielt Turandot auf der neuen Seebühne, das Haus wird im Juli 1980 eröffnet. Mit der modernen Infrastruktur ergeben sich insbesondere in der Beleuchtung neue Möglichkeiten für die Inszenierungen am See. Im Kern der Bühne erhält das Orchester einen wettergeschützten Platz, die Tonübertragung wird laufend perfektioniert.

1985 – Doppelt hält besser

Spätestens mit der Zauberflöte 1985 entfaltet die Verbindung aus Technik, Natur und Theater ihr vollständiges Potential. Zu einem satten Preis: Das Leading-Team fordert neue technische Mittel für sein Konzept, darunter ein Mischpult für computergesteuertes Richtungshören und eine Seilbahn, um die drei Knaben über das Publikum schweben zu lassen. Die spektakuläre Baustelle am See sorgt für Neugier – Ende April sind bereits um 47 Prozent mehr Karten verkauft als im Vorjahr.

Die Zauberflöte wird ein fulminanter Erfolg. Aus diesem Grund und um die Kosten zu minimieren, wird das Stück im Jahr darauf erneut auf den Spielplan gesetzt – der Beginn des Zwei-Jahres-Rhythmus auf der Seebühne.

Fortsetzung folgt ...
Wie es die nächsten 40 Jahre weiterging – mit reitenden Toreros, britischen Geheimagenten und elementaren Wäscheklammern – lesen Sie im Juni in der nächsten Ausgabe des Festspielzeit-Magazins.