Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Aktualisiert am 16. Juni 2026

Text: Kathrin Grabher
Der Text erschien in Ausgabe 3 (6/26). 

Lesezeit 3 Min.

Zwischen Plagen und Promille

Der Himmel hört nicht auf, mit seltsamen Plagen das Wohnhaus von drei Frauen zu überziehen. Ihr Schrecken hat sich längst verbraucht, wie ein lästiges Hintergrundgeräusch gehören die Plagen zum Leben dazu. Und doch stecken die drei Frauen fest – im Haus, in ihren Generationen, im Alltag. Selbst der Alkohol hat seinen Zweck verloren. Aber irgendetwas muss man ja tun.

Mehrere Korken fliegen durch eine rote Flüssigkeit, die in dynamischen Spritzern vor schwarzem Hintergrund zu sehen ist

Wichtig ist vor allem: Es gibt jede Menge zu trinken. Gleich im Prolog ihres Stücks under the influence hält Natalie Baudy das in einer Regieanweisung fest. Eine Empfehlung ganz nach dem Geschmack von Ems, Anja und Lieselott – drei Protagonistinnen des Stücks, in denen sich unterschiedliche Generationen von Frauen spiegeln. Als Nachbarinnen in einem grauen Wohnhaus leben sie Wand an Wand und kennen sich trotzdem kaum. In under the influence reißen sie ihre Türen auf, treffen sich im Flur und schauen über den Lichthof auf denselben Himmel. Es regnet Blut. Die Frauen wundert das wenig. Heute Blut, zuletzt Würmer, davor getragene Sportsocken; wie es Mundgeruch regnet, weiß der Himmel allein, erlebt haben sie auch das.

Das neue Normal

Von denselben Heimsuchungen getroffen finden Ems, Anja und Lieselott auf diesem Flur Gemeinschaft. In einer Wohnung (es gibt jede Menge zu trinken) erinnern sie sich an ihr Leben vor den Plagen, an die Unbekümmertheit, die Musik, rauschende Nächte bis zum Morgengrauen, ans Flirten und den Weg nach Hause, den man lieber allein gegangen wäre, aber nichts sagt, weil es zu anstrengend ist und einfacher, sich auszuziehen. Sie erinnern sich an ihre ersten Male: Ems mit Miro und Wodka-Orange, Lieselott mit ihrem späteren Ehemann Ingmar nach einem Stamperl Korn, Anja mit irgendwem und einer Flasche Lambrusco.

Während die drei sich gegen die Plagen abschotten, räumt eine Vierte hinter ihnen auf: Dionysos. Tochter des Zeus, Göttin des Rauschs, It-Girl der Antike, heute mit Entzugsgeschichte. Tief gefallen, runter bis auf die Erde, ordnet sie als Hausmeisterin ihr Leben neu, saugt den Blutregen mit flauschigen Handtüchern auf und kratzt tote Frösche von den Fliesen. Sie hat Mittel gegen alle Plagen – Schlamm, Hagel, Zukunftsangst, Rechts- ruck; nur die Erschöpfung kriegt sie nie ganz weg.

Den großen Rausch hat Dionysos hinter sich gelassen. In under the influence ist er allgegenwärtig. Ems inszeniert ihn in den Sozialen Medien – mit passendem Glas liest sie Biografien berühmter Frauen und lebt vom Zuspruch ihrer Fans. Für Anja ist er Teil des Systems: lange Tage im Büro, große Entscheidungen, wichtige Männer, die darauf erst mal einen Whiskey trinken – und sie immer ein Glas mehr, als Frau muss es immer ein bisschen mehr sein, damit es reicht. Und Witwe Lieselott erinnert sich an eine Generation, in der Alkohol schlicht funktional war: um den Tag zu überstehen. Auf unterschiedliche Weise leben sie alle in Rollen und Routinen, eingerichtet in Systemen, selbstgewählt oder nicht.

Im Rausch sind die Frauen verbunden. Aus drei Leben wird ein einziger Strom aus Erinnerungen, Geständnissen, Himbeergeist und Schaumwein. Wichtig ist vor allem, dass es jede Menge zu trinken gibt. Aber was, wenn nichts mehr da ist?
 

Frau mit blondem, zurückgebundenem Haar trägt ein schwarzes ärmelloses Oberteil vor hellem Hintergrund

Zwischen Witz und Abgrund

 

Mit feinem Gespür für das Komische und seine Brüche widmet sich Natalie Baudy in under the influence Abhängigkeiten, feministischen Perspektiven und popkulturellen Bildern. Die ehemalige Stipendiatin im Hans-Gratzer-Programm des Schauspielhauses Wien ist seit der Spielzeit 2024/25 Teil der Künstlerischen Leitung des schauspiel erlangen und arbeitet als freie Autorin und Dramaturgin im Theater- und Performancebereich.

Ihr neuestes Stück under the influence ging 2025 als Gewinnertext aus dem Autor:innenwettbewerb der Österreichischen Theaterallianz hervor und wird nach der Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen an weiteren Spielstätten in ganz Österreich zu sehen sein. Regie führt Josef Maria Krasanovsky – sein eigenes Siegerstück der Theaterallianz, Mondmilch trinken, war 2024 bei den Festspielen zu erleben. Im kommenden Jahr übernimmt Krasanovsky zudem die künstlerische Leitung des Theater KOSMOS.

under the influence
Natalie Baudy

 

12. August 2026 – 20.00 Uhr Premiere
Theater KOSMOS


Eine Koproduktion von Theater KOSMOS, Bregenzer Festspiele, klagenfurter ensemble und Schauspielhaus Salzburg im Rahmen der Österreichischen Theaterallianz