Text: Kathrin Grabher
Der Text erschien in Ausgabe 3 (6/26).
Lesezeit 6 Min.
Vom Wagnis zur Weltmarke
In der März-Ausgabe unseres Magazins haben wir die Entwicklung der Bregenzer Festspiele von 1946 bis 1985 nachgezeichnet. Nun beginnt ein neues Kapitel: Vor 40 Jahren erfinden sich die Bregenzer Festspiele neu – und zeigen, was Oper unter freiem Himmel sein kann.

Die Zauberflöte, 1985
Vor vierzig Jahren beginnt bei den Bregenzer Festspielen eine neue Zeitrechnung. Nach der kostspieligen Zauberflöte ist für 1986 mit Strauss’ Wiener Blut ursprünglich eine Rückkehr ins sichere Operettenfach geplant. Doch Besetzungsprobleme, Regiefragen und vor allem der enorme Erfolg der Zauberflöte führen zu einer entscheidenden Weichenstellung: der Einführung der Reprise. Die Zauberflöte bleibt ein weiteres Jahr auf dem Spielplan. Fortan soll das Modell beibehalten werden, um die Kosten für Bühne und Ausstattung auf zwei Spielzeiten zu verteilen. Gleichzeitig ist man sich der Risiken bewusst: Die Kulisse muss winterfest sein, und die Inszenierung so stark beim Publikum zünden, dass sie auch ein weiteres Jahr Karten verkauft.
Der Weg erfordert eine klare Haltung: Das Spiel auf dem See muss ein Erlebnis sein – bildgewaltig inszeniert, unmittelbar verständlich für ein großes Publikum, ohne den künstlerischen Anspruch und die Tiefe der Werke zu verlieren.
Die Geldgeber sehen das Vorhaben kritisch. Doch Studien attestieren den Bregenzer Festspielen einen nicht wegdiskutierbaren Wert für die Region – rund 82 Prozent der Subventionen von 29,7 Millionen Schilling spülten die Festspielgäste 1982 zurück in die Steuerkasse. Der Weg wird frei. Und die Regieteams liefern.

Hoffmanns Erzählungen, 1988
Die Kunst und das Geld
1987 wird Hoffmanns Erzählungen zum opulenten Fest. Weitgehend unbeirrt von Spar-Appellen verwandelt das Regieteam das Werk mit riesigen Puppen, Spiegeln und phosphoreszierenden Skeletten in eine wahrhaft „phantastische Oper“.
Zwei Jahre später legt der Fliegende Holländer nach. Mit 2.000 Meter Lichterkette, hydraulischen Bewegungen, Pyrotechnik und einem ikonischen Leuchtturm setzt das Stück neue technische Maßstäbe. Allein das 145 Tonnen schwere „Schiff“ – ein fahrbarer Würfel mit zehn Meter Kantenlänge und aufwendiger Mechanik – kann an sieben Stellen brennen und rauchen; eine „Schöpfung von fast unglaublicher Erfindungsgabe“ („New York Times“).
Kosten von 13 Millionen Schilling lösen allerdings heftige Diskussionen aus. Die künstlerische Leitung räumt ein, „die Grenzen des technisch Machbaren erreicht“ und jene des „finanziell Vertretbaren überschritten“ zu haben. Zugleich müsse die neu geschaffene Infrastruktur und die Inszenierung an sich als Investition in die Zukunft betrachtet werden: So etwas gibt es nur in Bregenz!
Der Erfolg gibt Recht. Carmen verwandelt die Seebühne 1991/92 in eine monumentale Felsenarena – mit zwei mal fünf Meter großen Abdrücken echter Steinformationen, abgenommen unterhalb des Rhonegletschers im Wallis; trotz einiger Einwände, die Alpen wären hier genauso schön gewesen. Carmen wird eine der bis dahin finanziell erfolgreichsten Produktionen; sogar ein drittes Aufführungsjahr wird erwogen – Gespräche, die es zukünftig häufiger geben sollte, wenn es gut läuft, und die doch immer im Sand verlaufen.

Carmen, 1991
Von Technik und Rekorden
Die Grenzen des technisch Machbaren verschieben sich. Zunehmend halten Maschinenbau und Steuerungstechnik Einzug. In den 1990ern verändert die Digitalisierung Planung und Bühnenbau – in Folge können digitale 3D-Modelle entworfen und in die Fertigung überführt werden. Bis heute ist der Bühnenbau ein Wechselspiel aus digitaler Planung und Handarbeit.
Auch Licht und Ton entwickeln sich rasant. Für Porgy and Bess 1997/98 sind für Soli und Chor 88 Funkmikrofone gleichzeitig im Einsatz – zu dieser Zeit weltweit das größte System dieser Art. Einen weiteren Rekord erzielt das Stück beim Publikum: 308.000 Menschen sehen die Gershwin-Oper am See.
Herausforderungen liefert auch die Natur. Beim Jahrhunderthochwasser 1999 gerät der Orchestergraben durch den Auftrieb in Gefahr: Um ein Aufschwimmen zu verhindern, wird er geflutet und eilig mit Stahlschrott beschwert. Neben all der Hochtechnologie ist eine gewisse Hemdsärmeligkeit geblieben – vielleicht auch eines der Erfolgsgeheimnisse des Festivals.
Der Orchestergraben sorgt in der Festspielgeschichte häufiger für Kapriolen. So gab es im Fliegenden Holländer eine von den Musiker:innen gefürchtete Szene: Schritt die Darstellerin der Senta zu energisch durch das Wasser, schwappte es über und durchnässte den Dirigenten. Die Position des Orchesters ist immer wieder Thema: Es sollte vom Wetter geschützt sein, für das Publikum gerne sichtbar aber doch ohne die Wirkung der Bühnenwelt zu durchbrechen. Schließlich spielen die Wiener Symphoniker im „Keller“ der Seebühne. Die Musik wird live nach draußen übertragen.

Der Fliegende Holländer, 1988
Ihre „Befreiung“ bringt 2005 das Tonsystem BOA: 800 Lautsprecher erweitern das bereits etablierte Richtungshören um eine akustische Raumsimulation. Das Orchester zieht in den Großen Saal des Festspielhauses, wo sich sein Klang für die Übertragung frei entfalten kann. Nach nur zwei Monaten ist die Umstellung vollzogen, auch wenn es bei der Generalprobe holpert: Die Anlage fällt komplett aus. Als Gäste geladene Expert:innen der Partnerfirmen wechseln zur Fehlersuche von der Tribüne in die Tonregie – mit Erfolg.
Unter Druck geht es nach dem Ende der Saison weiter: Die Sanierung und Erweiterung des Festspielhauses beginnt. Zu Spitzenzeiten arbeiten 250 Menschen auf der Baustelle, nach nur zehn Monaten wird das Haus eröffnet. Die Festspiele ziehen zum Jubiläum 2006 eine eindrucksvolle Bilanz: Seit der Neuausrichtung 1985 haben sich die Einnahmen verfünffacht, die Ausgaben verdreifacht und die Besucherzahl verdoppelt.

Tosca, 2007
Die Seebühne im Kino
Mit Tosca 2007/08 findet die Seebühne neue Wege – ins Kino: Für den James-Bond-Film Quantum of Solace wird sie selbst zum Drehort: 2.000 Statist:innen nehmen als Publikum Platz, für die Leinwand digital auf 7.000 erweitert. Auch das ZDF-Sportstudio nutzt die Bühne und sendet zur Fußball-EM 2008 27-mal live aus Bregenz.
Abseits der Kamera setzt Tosca Maßstäbe: Die Tonregie schöpft aus dem Vollen und versetzt das Publikum in einen gewaltigen Klangdom. Die akustische Verstärkung BOA wird zum eigenständigen Instrument. Erstmals werden auf der Bühne großflächige LED-Elemente eingesetzt. In den folgenden Jahren werden sie von Projektionen abgelöst – flexibler in der Gestaltung und robuster im Einsatz unter freiem Himmel. Bei Carmen 2017/18 lässt ein komplexes Video-Mapping Spielkarten scheinbar durch den Nachthimmel fliegen.

Rigoletto, 2021
80 Jahre – und kein Stillstand
Mit Rigoletto kommt 2019 ein Spektakel an den See: An einer riesigen Wippe balanciert ein Clownskopf an den Grenzen der Physik. Während der Bau- und Probenphase sorgt ein ausgeklügeltes System für Sicherheit: Wer den Kopf betritt, nimmt am Eingang einen Magnet von einer Tafel. So bleibt überschaubar, wie viel Gewicht die Konstruktion gerade trägt.
Die Wundermaschine geht in die Geschichte ein – als erstes Bühnenbild, das drei Jahre im Bodensee besteht: 2020 fällt das Spiel auf dem See coronabedingt aus. Im Jahr darauf kehrt Rigoletto auf die Bühne zurück.
Hinter den Kulissen nimmt das nächste Projekt Fahrt auf: Der Vertrag für die dritte Baustufe des Festspielhauses wird 2021 unterzeichnet. Seebühne und Tribüne werden runderneuert, das Festspielhaus erweitert und modernisiert. Gleichzeitig wird das benachbarte Hallenbad umgebaut, mit dem sich das Festspielhaus die neue Seethermie für Wärme und Kühlung teilt.
Nach mehreren Jahren Baustelle im Festspielbezirk ist 2026 auch der letzte Baum an seinem Platz. Rechtzeitig zu einem besonderen Jubiläum: Die Bregenzer Festspiele feiern diesen Sommer ihr 80-jähriges Bestehen – mit einem Stück, das es auf der Seebühne noch nie zu sehen gab: Giuseppe Verdis La traviata.
