Das Gespräch führte Babette Karner.
Der Text erschien in Ausgabe 2 (3/26).
Lesezeit 3 Min.
Ein Lichtgewebe, Bach und das Erlebnis der Stille
Bach Nirvana ist mehr als nur ein Konzert: Es ist die Suche nach einer Symbiose aus Raum, Klang und Licht. An diesem Abend auf der Werkstattbühne verbinden sich Angela Hewitts Bach-Interpretationen und die Lichtkunst von Mikki Kunttu zu einem Moment der kollektiven Meditation. Intendantin Lilli Paasikivi im Gespräch über die Klarheit von Bachs Musik, das immersive Zusammenspiel von Licht und Klang – und darüber, warum der Applaus diesmal warten muss.

Hand aufs Herz: Was war zuerst da – die Idee eines Nirvanas oder die Musik von Johann Sebastian Bach?
Lilli Paasikivi: Ganz klar Bach! Ich spüre immer wieder diese unmittelbare, fast magische Wirkung, die seine Musik auf uns hat. Es ist faszinierend: Obwohl seine Stücke hochgradig strukturiert, ja beinahe mathematisch sind, berühren sie einen ganz tief im Inneren. Bachs Musik hat diese besondere Kraft, unsere Seele anzusprechen. Daraus entstand der Wunsch, einen Raum zu schaffen, in dem man mit allen Sinnen in diese Musik eintauchen kann. Wo das, was wir hören, eins wird mit dem, was wir sehen.
Dafür holen Sie sich zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten nach Bregenz: die Pianistin Angela Hewitt und den Lichtkünstler Mikki Kunttu.
Angela Hewitt ist eine der weltweit führenden Bach-Interpretinnen. Dass sie sofort zugesagt hat, bei diesem Experiment mitzuwirken, war ein Glücksfall. Sie spielt übrigens auswendig, was bei Bachs Komplexität pure Magie ist. Aber auch der finnische Lichtdesigner Mikki Kunttu ist ein Meister seines Fachs. Sein Spektrum reicht von Wagners Ring in Helsinki bis hin zu großen Stadionkonzerten. Mikkis Arbeiten sind stets eine ganz eigene Komposition – und somit eine Erweiterung der Musik.
Was erwartet die Besucher:innen im riesigen, dunklen Raum der Werkstattbühne?
Wir möchten die Werkstattbühne wie einen schützenden Kosmos nutzen, in dem die Grenzen des Raums verschwimmen. In dieser schwebenden Atmosphäre kann man Zeit und Realität für einen Moment ganz hinter sich lassen.
Der Titel verspricht ein „Nirvana“. Wie kann ein solcher Zustand gemeinsam mit dem Publikum erreicht werden?
Die Kernidee ist eine Art kollektive Meditation, eine Insel der inneren Einkehr. Ziel ist es, sich in einen klärenden Reset-Zustand zu versetzen und sich gemeinsam auf den Fluss der Musik einzulassen, in einen Dialog aus Klang und Licht einzutauchen – und einfach nur zu sein. Dafür haben wir eine Dramaturgie entwickelt, die die Wahrnehmung ganz auf den Moment lenkt und ohne Unterbrechungen auskommt. Damit dieses Erlebnis seine volle Kraft entfalten kann, bitten wir die Zuschauer:innen darum, auf den Applaus zu Beginn und zwischen den Stücken zu verzichten.
Applaus nur am Ende? Das ist ungewohnt.
Das stimmt, aber es ist für diese besondere Erfahrung wesentlich. Die Stücke fließen ineinander über. Es gibt Momente der Stille, die genauso wichtig sind wie der Klang. Wir möchten, dass die Menschen eintreten, sich niederlassen und gemeinsam in diesen Sog eintauchen. Die Wertschätzung für die Künstler:innen kann am Ende gezeigt werden – und zwar umso herzlicher!
Johann Sebastian Bach (1685–1750) war ein deutscher Komponist, Organist und Violinist des Barock. Seine Musik verbindet technische Virtuosität mit tiefer Emotionalität und beeinflusst Komponist:innen bis heute. Auf den ersten Blick wirken seine Werke streng gefügt, beinahe architektonisch. Und doch bewegen sich die Stimmen so lebendig, frei und unvorhersehbar, als entstünden sie im Moment. Jede hat ihr eigenes Gewicht und führt ihren Gedanken eigenständig fort. Dadurch empfinden viele Menschen beim Hören eine besondere Form der Wachheit und Sammlung. Bachs Musik verlangt Konzentration – und schenkt im Gegenzug Klarheit und ein Gefühl innerer Ordnung.
