Text: Anke Rauthmann
Der Text erschien in Ausgabe 2 (3/26).
Lesezeit 4 Min.
Der letzte Schmerz
Technologien, Algorithmen, virtuelle Realitäten und digitale Ablenkungen beherrschen jetzt schon unser Leben. Als Menschen kommen wir der Zukunft kaum noch hinterher. Die Uraufführung Passion of the Common Man geht noch einen Schritt weiter – in eine Welt, die technologisch so weit fortgeschritten ist, dass alles Natürliche verblasst. Zuneigung kann simuliert werden, Leid und Schmerz sind gelöscht. Doch was bleibt, wenn das unmittelbare Empfinden verschwindet?

Ein neues, hochaktuelles Auftragswerk entsteht derzeit für die Werkstattbühne: Passion of the Common Man ist Oper und sekuläres Oratorium zugleich, das die Form der Passion in unsere Gegenwart – oder vielmehr in eine beunruhigend nahe Zukunft – überführt. Inspiriert von den Passionen Johann Sebastian Bachs und zugleich radikal eigenständig, schaffen der isländische Komponist Daníel Bjarnason und der Librettist Royce Vavrek ein Werk, das religiöse Strukturen öffnet und existenzielle Fragen neu stellt: Was bedeutet menschliches Leiden heute und zukünftig?
Im Zentrum des Stücks steht das archetypische Motiv jeder Passion: Ein Einzelner leidet stellvertretend für die Gemeinschaft. Doch diese Gemeinschaft lebt in einer dystopischen Welt, in der Schmerz kontrolliert, Krankheit überwunden und Natur künstlich reproduziert wird. Medizin und Technologie haben das körperliche Leiden nahezu abgeschafft, Nahrung wächst ohne Erde, Pflanzen gedeihen ohne Sonne. Alles ist sauber, steril, effizient. Kein Blut, kein Schmutz, keine Wunden – und vielleicht auch keine wirkliche Erfahrung.
Für vier Sänger:innen, Chor und Orchester komponiert, verbindet Bjarnasons Werk unverwechselbare, experimentelle Klangsprache mit elektronischen Elementen. Anklänge an die Form der Choräle Bachs blitzen auf, werden gebrochen, erweitert, transformiert. Die Musik ist vielschichtig, atmosphärisch dicht, von nordischer Klarheit und zugleich verstörender Intensität. Chorpassagen wechseln mit intimen Momenten, elektronische Klangräume öffnen sich, theatrale Gesten durchziehen das musikalische Gefüge und es entsteht ein futuristisches Klangerlebnis.
Die britische Regisseurin Netia Jones, die sich zugleich für Bühne und Ausstattung verantwortlich zeichnet, erschafft eine ästhetisch in sich geschlossene Welt. Die Werkstattbühne verwandelt sich in einen klinisch- weißen, futuristischen Raum. Eine hydroponische Farm, schön und irritierend zugleich, ersetzt die Natur. Pflanzen wachsen ohne Erde, gespeist von künstlichen Nährlösungen. Grelles LED-Licht durchschneidet die sterile Atmosphäre. Die Menschheit scheint von der Natur entkoppelt – und doch bleibt sie abhängig von Sauerstoff, Nahrung, Energie.
Das Publikum wird Zeuge eines Rituals, das zugleich an ein Gerichtsverfahren erinnert. Eine Master-Figur, eine reife, weise Frau, führt durch die Zeremonie. Diese Rolle ist der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter auf den Leib geschrieben: Sie erzählt, kommentiert, lenkt den Blick. Im Zentrum des Rituals steht ein junger Mann, der Stellvertreter. Er wurde ausgewählt, für alle anderen zu leiden. Mit verbundenen Augen akzeptiert er sein Schicksal – fast sehnsüchtig. Eine junge Frau steht als mögliche Ersatzfigur bereit. Ein Begleiter, einst Bauer in einer vergangenen, erdverbundenen Zeit, führt den Stellvertreter auf seinem Weg. Der Chor, in einheitliches Weiß gekleidet und über Schläuche mit einer anonymen Lebensquelle verbunden, kommentiert das Geschehen: distanziert, kollektiv, entindividualisiert.
Noch ist das Werk am Entstehen – musikalisch, szenisch, dramaturgisch – mit offenem Ende: wird das Opfer vollzogen? Wird es verweigert? Gibt es Erlösung, Auflösung, Widerstand?
Passion of the Common Man ist eine Reflexion über Fortschritt und Verlust, über Gemeinschaft und Opfer, über Technologie und Körper. Ein sinnlich überwältigendes, rätselhaftes Werk, das die Tradition der Passion nicht zitiert, sondern verwandelt – und uns mit einer dringlichen Frage zurücklässt: Wenn wir das Leiden abschaffen, verlieren wir dann einen Teil unserer Menschlichkeit?
Passion of the Common Man
Daníel Bjarnason, Royce Vavrek
31. Juli 2026 – 20.00 Uhr Premiere
1. August 2026 – 20.00 Uhr
Werkstattbühne

