Das Gespräch führte Anke Rauthmann.
Der Text erschien in Ausgabe 2 (3/26).
Lesezeit 7 Min.
„Das wird eine Erfahrung, die man nie mehr vergisst“
Ein Chorerlebnis zum Festspiel-Jubiläum: Dirigent Steven Moore spricht über das Singalong am See, ein Projekt, das Stimmen bündelt, Mut belohnt und Gänsehaut-Erfahrung garantiert. Denn ob Profi oder Laie – mitmachen lohnt sich!

Sie sehen als Dirigent einem gewaltigem Projekt entgegen, dem Singalong am See – freuen Sie sich auf unser gemeinsames Singen?
Steven Moore: Ich freue mich sehr darauf. Ich finde, es ist eine unglaublich spannende und ein bisschen verrückte Idee!
Sie haben viel Erfahrung in der Arbeit mit Laienchören. Erzählen Sie uns ein wenig davon.
Es gibt mehrere Gründe, warum ich so gerne mit Nicht-Profis zusammenarbeite. Diese Menschen werden nicht fürs Singen bezahlt – sie engagieren sich aus eigenem Antrieb und schenken ihre Zeit etwas, das ihnen Freude bereitet. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich ihnen viel mitgeben kann. Wir gehen gemeinsam einen weiten Weg und oft sind die Beteiligten am Ende selbst überrascht, wozu sie fähig sind.
Ich finde, es ist unsere Aufgabe als professionelle Musiker:innen, alle jene miteinzubeziehen, die unsere Leidenschaft für Musik teilen. Weltweit bemüht man sich im Moment, die „junge Generation“ zu erreichen – was auch immer das konkret heißen mag. Aber wir sollten diejenigen nicht aus den Augen verlieren, die uns schon jetzt sehr nahe sind: Menschen, die Musik lieben und in ihrer Freizeit selbst gern musizieren. Bei der Suche nach neuen Zielgruppen geraten genau sie manchmal etwas in Vergessenheit.
Mit dem Singalong sprechen wir alle an, die gerne singen – Chöre wie Einzelpersonen. Wir versuchen, aus Gruppen und einzelnen Stimmen einen großen gemeinsamen Klangkörper zu formen. Wenn man darüber nachdenkt, hat das fast etwas Utopisches.
Absolut! Wir möchten einen Rahmen schaffen, in dem sich alle wohlfühlen und einbringen können. Wir geben die Orientierung: „Fangt hier an – es ist gar nicht schwer! Wenn ihr euch sicher fühlt, könnt ihr einen Schritt weiter gehen. Und: Seid nicht enttäuscht, wenn nicht alles sofort gelingt.“
Die Seebühne hat eine ganz besondere Atmosphäre. Hier kann jede:r kommen – wie zu einem Sportereignis oder einem Picknick. Warum also nicht ein paar Stunden am See verbringen und dabei Oper genießen? Für mich ist die Seebühne eine wunderbare Verbindung von Alltäglichkeit und Magie.
Manche Menschen gehen zwar gern in die Oper – aber selbst mitsingen? Um Himmels willen, das würden sie nie wagen. Menschen, die gerne singen, wenn sie keiner hört, aber sich nicht trauen, das auch öffentlich zu tun – was würden Sie ihnen raten?
Ich würde sagen: Solange man es nicht ausprobiert, kann man gar nicht wissen, wie es sich anfühlt … (lacht). Natürlich braucht es eine gewisse Portion Mut, um Neues zu wagen. Eine der psychologischen Herausforderungen beim Singen ist, dass die eigene Stimme so eng mit der eigenen Person verbunden ist. Eine Geige oder ein Klavier ist etwas Äußeres. Die Stimme hingegen ist der eigene Körper. Sie ist mit der Persönlichkeit, der Seele und dem Gehirn verbunden. Doch was man dabei gewinnt, ist ungemein intensiv und bereichernd.
Also darf man sich auch ohne Vorkenntnisse ins Abenteuer stürzen und beim Singalong herausfinden, was in einem steckt?
Das Projekt ist bewusst so angelegt, dass es auch für Neulinge gut geeignet ist. Es gibt Materialien, die beim Lernen unterstützen, und die Musik ist für unterschiedliche Gesangsniveaus aufbereitet. Man kann selbst auswählen, welche Stücke man ausprobieren möchte. Einige sind auf Deutsch, andere auf Englisch, Italienisch oder Französisch – lauter kleine Herausforderungen, die die Menschen dort abholen, wo sie stehen.

Wie kann man sich vorbereiten, können Sie die Probenphase kurz erläutern?
Nach einem ersten Online-Kennenlernen im März treffen wir uns am 9. Mai zu einer offenen Probe in Bregenz. Es wird ein lebendiger und unkomplizierter Tag, an dem wir gemeinsam singen, Sachen ausprobieren und Schritt für Schritt in die richtige Stimmung finden. Mir ist wichtig, den Teilnehmenden dabei Sicherheit, eine klare Orientierung und konkrete Anregungen zu geben, wie sie sich bis zum Singalong weiter vorbereiten und weiterentwickeln können.
Wir werden bekannte Chorpartien aus populären Opern singen – ein Streifzug durch 80 Jahre Festspielgeschichte. Wie relevant ist Oper aus Ihrer Sicht heute?
Für mich ist sie absolut relevant. Und sie ist Unterhaltung – im besten Sinn des Wortes. Auch 2026 sehnen wir uns nach Unterhaltung: nach Filmen, Shows, Fußballspielen, sozialen Medien. All das erfüllt ein Bedürfnis. Die Oper tut das seit rund 400 Jahren. Was sie so außergewöhnlich macht, ist, dass sie fast alles vereint: Worte, Musik und Schauspiel. Die Oper ist gewissermaßen die Königin unter den Kunstformen! Ich gehe auch sehr gern ins Ballett – aber dort fehlen mir die Stimmen. Ich mag es sehr, wenn es die Stimme ist, die eine Geschichte trägt. Eine Handlung zu singen, bedeutet immer auch eine Steigerung und Verdichtung, also eine besondere Form der Erzählung.
Man geht in die Oper, um etwas zu erleben, um zu fühlen und zu verstehen und vielleicht auch, um etwas zu lernen. Und manchmal geht man erschüttert nach Hause. Die Bühne war schon immer ein Ort des Kommentars: zu gesellschaftlichen Konventionen, kulturellen Entwicklungen und oft genug auch zu politischen Themen. Sie bietet die Möglichkeit, Haltung zu zeigen, zu provozieren und ins Gespräch zu kommen. Ich bin überzeugt, dass die Oper in der heutigen Welt eine echte Kraft entfalten kann.

Im eigens für das Singalong am See gegründeten Betriebschor proben auch die Mitarbeiter:innen der Bregenzer Festspiele und des Festspielhauses fleißig Opernwerke.
Glauben Sie, dass das Mitsingen diese Kraft noch intensiver erfahrbar macht?
Ich denke ja. Im Chor einer Inszenierung kann sich das Publikum oft leichter wiedererkennen als in den Hauptrollen. Sich wie eine „Violetta” zu fühlen, ist vielleicht schwer, aber mit einem Partygast im Chor kann man sich gut identifizieren. Man ist Teil der Menge. Selbst mitzusingen, also tatsächlich Teil davon zu sein, wird eine besondere Erfahrung sein. Es entsteht ein starkes Gefühl der Verbundenheit, weil man zuhört, weil man von dem Klang umgeben ist, den man selbst mithervorbringt, und weil man gemeinsam atmet. Es ist eine Form der Befreiung.
Singen war schon immer ein Mittel, um Stellung zu beziehen. In den 1990er-Jahren leisteten die Menschen in Estland mit der sogenannten „Singenden Revolution“ Widerstand. Offensichtlich besitzt Singen im Kollektiv eine große Kraft – und kann tatsächlich etwas verändern.
Unbedingt. Wir haben vorhin schon über diese Idee der Einheit gesprochen. In der Musik kommt alles zusammen: Melodie, Rhythmus und Text. Alle entscheiden sich bewusst dazu, im selben Moment dasselbe zu tun – mit einem gemeinsamen Ziel. Dieses Ziel kann vieles sein: politischer Widerstand ebenso wie das Erzählen einer Geschichte für Kinder. Wenn also viele Menschen ihre Stimme erheben, um etwas auszudrücken, liegt darin eine unbestreitbare Kraft. Das ist ungeheuer machtvoll und unmittelbar spürbar – es erfasst einen ganz und gar.
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an den Singalong-Chor denken, bei dem tausende von Menschen gemeinsam unter freiem Himmel Oper singen?
Allein der Gedanke daran bereitet mir Gänsehaut. Wir haben bereits über 4.000 Anmeldungen, was wirklich beeindruckend ist. Es ist unglaublich aufregend, aber auch ein wenig einschüchternd, als Dirigent all das zusammenzuführen. Aber wir werden das schaffen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dieses Konzert für viele, die mitmachen, lebensverändernd sein kann. Es wird auf jeden Fall eine Erfahrung sein, die man nie mehr vergisst.
Der gebürtige Australier Steven Moore ist in Orgel, Cello und Gesang ausgebildet und studierte Korrepetition. Seine Karriere führte ihn unter anderem an die San Francisco Opera, die Königlichen Opernhäuser in London und Kopenhagen und das Glyndebourne Festival. In der Welt der Oper, der Symphonie und des Balletts gleichermaßen zu Hause, bringt er eine lebendige Musikalität und einen ausgeprägten Teamgeist mit. Er ist Gründungsmitglied des Chorforums der Opera Europa und engagiert sich stark für die musikalische Nachwuchsförderung. In Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen an der Royal Danish Opera wurde er von Königin Margrethe II. von Dänemark zum Ritter geschlagen.


