Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Last change on 10. Juni 2026

Text: Jutta Berger
Der Text erschien in Ausgabe 3 (6/26). 

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„Die Technik muss der Idee folgen, nicht umgekehrt“

Bei La traviata geht ein riesiger Spiegel zu Bruch, eine Schicksalskugel schwebt über der unglücklichen Violetta, und im Pool steigt eine große Party: Wie das Technikteam der Bregenzer Festspiele die Ideen des Bühnenbildners Paolo Fantin umsetzt.

Große, zerbrochene Spiegelinstallation auf einem Wasserbecken mit Stegen und See im Hintergrund

Giuseppe Verdi hat mit Violetta eine lebenshungrige, zwiespältige Opernheldin geschaffen. Sie verkauft ihren Körper an reiche Männer und sucht dennoch die große Liebe. Als sie den Traum von der Zweisamkeit mit Alfredo leben will, holt sie die Wirklichkeit ein: Ihre todbringende Krankheit schreitet unaufhaltsam voran. Und auch der Vater des Auserwählten stellt sich gegen die Verbindung.

Die Schlüsselszene: Violetta blickt in den Spiegel und sieht ihr nahes Ende. Der Spiegel fällt zu Boden und zerbricht. Genau diesen Moment will Bühnenbildner Paolo Fantin in der Inszenierung festhalten: „Violetta weiß von Anfang an, dass sie sterben muss. Im Spiegel erkennt sie die Wirklichkeit. Wie in Zeitlupe fängt das Bühnenbild den Moment ein, in dem der Spiegel den Boden berührt, kurz bevor er zerbricht. Das Ende ist bereits spürbar.“

Große, kreisförmige Bühne mit gebrochenen, spiegelnden Flächen über einem Wasserbecken unter blauem Himmel

„Es ist unglaublich, wie das Bregenzer Team meine Idee umgesetzt hat“, zollt Fantin dem Technikteam der Bregenzer Festspiele Respekt. Schließlich müsse die Technik immer der Idee folgen, nicht umgekehrt. Zweifel habe er keine gehabt, er sei seit seiner Studienzeit an der Akademie der Bildenden Künste in Venedig ein Bewunderer der Seebühne. Damals, bei einer Exkursion der Studierenden nach Bregenz, habe er gesehen: „Das ist nicht nur Theater, das ist eine Idee.“ Nämlich die, Natur, Landschaft und Oper nicht einfach zu verbinden, sondern in ein künstlerisches Spannungsfeld zu bringen. „Denn“, so Paolo Fantin, „Theater und Kunst leben von der Spannung, von Widersprüchen.“

Probieren, verwerfen, Lösung finden

„Manchmal verzweifeln wir schon ein bisschen bei der Umsetzung der künstlerischen Ideen“, schmunzelt Technikdirektor Wolfgang Urstadt. In der vierjährigen Vorlaufzeit einer neuen Seebühnenproduktion wird probiert und verworfen, wieder probiert – und schließlich ein Weg gefunden. So nahm auch die Metapher des zerbrochenen Spiegels auf der Seebühne als riesiges Bauwerk Gestalt an. Neben dem eingespielten Technikteam der Bregenzer Festspiele sind 36 externe Firmen am Bühnenwerk beteiligt. Wolfgang Urstadt nennt beeindruckende Zahlen: „Die Spiegelwand hat eine Fläche von 700 Quadratmetern, mit dem stützenden Stahlbau wiegt sie rund 195 Tonnen.“

Kran hebt orangefarbenen Lastkorb über eine große, zerbrochene Glasfläche mit sichtbaren Rissen und Bruchstellen

86 Splitter aus Holz, die durch aufgeklebtes Kunststoffgewebe wie eine Spiegeloberfläche anmuten, türmen sich auf der Bühne auf. Fast die Hälfte davon lässt sich dank Hydraulik einzeln bewegen. Das Zerbrechen des Spiegels wird durch eine Implosion dargestellt. Urstadt: „Der Spiegel zerbricht nach innen in zwölf große Teile. Möglich wird das durch zentrale Steuerung jedes einzelnen dieser Elemente.“ Die programmierte „Fahrt“, wie die Bewegung in der Fachsprache heißt, erfordert höchste Präzision. „Jeder einzelne Splitter muss so gesteuert werden, dass es zu keiner Kollision kommt, dass kein Splitter den anderen blockiert.“

 

Durch die Implosion wird ein weiteres zentrales Bühnenelement sichtbar: Wie von Zauberhand bewegt, erscheint eine riesige schwarze Kugel, sechs Meter im Durchmesser, gefertigt aus strapazierfähigem Kunststoff. Schicksalskugel? Es darf interpretiert werden. Magie steckt jedoch keine hinter dem schwebenden Bühnenelement, sondern handfester Maschinenbau und solide Seilbahntechnik.

Intime Momente auf großer Bühne

Regisseur Damiano Michieletto und Paolo Fantin versetzen La traviata in die Roaring Twenties – mit Glitzer, Glamour und großen Festen. Während die Pariser Gesellschaft überschwänglich feiert, weiß Violetta, dass sie dieses oberflächliche Leben nicht mehr will. Fantin sieht Parallelen zur Gegenwart: „Wir wollen uns ständig gut darstellen, wollen gut aussehen, perfekt sein. Das oberflächliche Leben ist ein Schwachpunkt unserer Zeit.“ Man solle mehr auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren, so der Bühnenbildner. Die Oper könne dabei helfen, „denn sie erzählt zeitlose Geschichten. Sie schlägt eine Brücke zwischen den Zeiten.“

Das große Feiern wird auf der Seebühne spektakulär umgesetzt: Ein Infinity-Pool wird zur Partylocation. Dazu wird das 2024 für den Freischütz geschaffene Wasserbecken zwischen Bühne und Tribüne umgestaltet – die Gästeschar vergnügt sich im Wasser. Platz dazu hat sie genug: Mit 1.400 Quadratmetern ist der Pool größer als ein olympisches Sportbecken. Die Anlage wird mit Seewasser gespeist, das aus Hygienegründen regelmäßig ausgetauscht wird. Dabei sind strenge Umwelt- und Wasserschutzauflagen zu erfüllen. Das heißt: Der See erhält nur gefiltertes und reines Wasser zurück.

Doch wie macht man in dieser Dimension auch die intimen, kammerspielartigen Momente von La traviata sichtbar? Durch weitere raffinierte Bühnendetails: Die Spiegelwand ermöglicht fließende Schauplatzwechsel, indem sie sich öffnet und auf zwei Plattformen neue Räume entstehen lässt. Die eine, rund 60 Quadratmeter groß, wird zum Ort eines fragilen privaten Glücks. Die andere führt in einen Raum, in dem sich Violettas Schicksal unausweichlich verdichtet …

Große weiße zerbrochene Fläche mit sichtbaren Rissen und zwei Personen auf einem Podest in einer Öffnung

Kunstwerk im Bodensee

La traviata live auf der Seebühne zu erleben, ist diesen Sommer jenen vorbehalten, die frühzeitig Karten gekauft haben – alle anderen können sich den 23. August vormerken: Dann startet der Vorverkauf für die Wiederaufnahme 2027. Bis dahin lässt sich die Kulisse schon jetzt bei einem Spaziergang am Seeufer bewundern. Für Bühnenbildner Paolo Fantin kein Nebeneffekt, sondern Teil des Konzepts: „Wenn man ein Freiluft-Bühnenbild für zwei Jahre entwirft, soll es nicht nur dem Wetter standhalten, sondern auch ein Kunstwerk im See sein, an dem sich alle erfreuen können.“