Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Last change on 10. Juni 2026

Das Gespräch führte Elisabeth Merklein.
Der Text erschien in Ausgabe 3 (6/26). 

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„Wenn die Musik gut ist und ich sie singen kann, dann mache ich das!“

Die international gefeierte Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter ist im Sommer gleich in zwei Produktionen zu erleben: bei der Uraufführung von Passion of the Common Man auf der Werkstattbühne und mit ihrem Chansonabend Douce France im Theater am Kornmarkt.

Frau mit schulterlangem, gewelltem, weißem Haar vor dunklem Hintergrund

Passion of the Common Man ist das Werk des isländischen Komponisten Daníel Bjarnason und des aus Kanada stammenden Librettisten Royce Vavrek. Sie haben in den letzten Jahren bereits an zwei Opern mitgewirkt, deren Libretti ebenfalls Vavrek geschrieben hat. Was zeichnet seine Texte aus?

Anne Sofie von Otter: Royce ist ein brillanter Librettist; kein Wunder, dass er so viele Aufträge bekommt! Seine Texte sind eine clevere Mischung aus heutiger Umgangssprache und poetischen Wendungen, die ausdrucksstarke Bilder kreieren. Seine Worte verankern sich nicht nur im Kopf, sie liegen auch gut auf der Zunge, gleichzeitig haben sie dieses gewisse Etwas an sich – eine Erhabenheit des Stils, könnte man sagen –, das einen genauer hinhorchen lässt. Zugänglich, aber mit einem Twist.

Royce liebt offensichtlich, was er tut, und ist immer voll dabei. Als wir seine Opern Melancholia und Fanny and Alexander einstudiert haben, hat er keine einzige Probe ausgelassen.

Gibt es für Sie Unterschiede in der Arbeit an einer Uraufführung im Vergleich zu einem Repertoirewerk?

Bei einer Uraufführung weiß am Anfang noch niemand, wie die Musik wirklich klingt, nicht einmal der:die Komponist:in. Das Stück besteht so lange nur aus Linien und Punkten auf einem Bogen Papier, bis wir – die Ausführenden – anfangen, die leeren Flächen wie bei einem Ausmalbild mit Farbe zu füllen. Das ist ein sehr freier, aufregender Prozess. Aber man kann sich auch orientierungslos fühlen, weil die Musik erst Stück für Stück Gestalt annimmt.

Passion of the Common Man hat die Passionen Johann Sebastian Bachs zur Grundlage. Worin liegt für Sie das Potenzial dieser musikalischen Form?

In Bachs Passionen gibt es Rezitative, die die Handlung vorantreiben, den Chor, der kommentiert und teilweise stark eingebunden ist, und Arien, die Gefühle und Stimmungen abbilden. Das ist ziemlich genau das, was Daníel auch geschrieben hat: Es gibt eine Art Erzählerin, das werde ich sein, und drei weitere Rollen. Der Chor hört zu und kommentiert, stimmt manchmal ein und unterstreicht, was gesagt wird. Daraus entsteht eine ab- wechslungsreiche, dramatische Einheit, basierend auf einer Grundstruktur, die es erlaubt, wirkungsvoll und gradlinig zu erzählen.

In Passion of the Common Man geht es um Empathie im weltlichen Kontext. Ihre Rolle führt dabei erzählend durch die Handlung. Wie bereiten Sie sich auf so eine Partie vor? Ist das für Sie eine Bühnenfigur, in die Sie psychologisch eintauchen, oder eher eine Instanz, die Distanz wahrt?

Meine Rolle ist zwar sehr formell angelegt und besitzt eine gewisse Schärfe, ich denke aber, dass sie trotzdem ein eigenes Interesse an dem besitzt, was das Stück zu vermitteln versucht. Ich betrachte Text und Musik als Einheit; der erste und wichtigste Filter, den ein Stück durchläuft, ist der des Komponisten. Tempo, Intervalle, Tonumfang, Dynamik – das alles wurde bereits festgelegt und meine Aufgabe besteht darin, diese Informationen zu entschlüsseln und mit meiner eigenen Persönlichkeit zu füllen. Später kommt die Regie mit ihren kreativen Ideen ins Spiel – in unserem Fall Netia Jones. Ich vertraue auf ihre Arbeit, und sie wird viele wichtige Entscheidungen treffen, auch in Bezug darauf, mit wie viel Distanz ich meine Rolle darstelle. 
 

Die Arbeit mit Musik begeistert mich, fordert mich heraus, regt mich an: meinen Verstand, mein Herz und meine Seele.

Anne Sofie von Otter

Ihre Karriere zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Vielseitigkeit aus. Hat sich mit der Zeit gewandelt, was Sie in Ihrer Arbeit suchen, oder gibt es Leitlinien, die konstant bleiben?

Die Arbeit mit Musik und die Interpretation derselben sind mein Leben. Das begeistert mich, fordert mich heraus, regt mich an: meinen Verstand, mein Herz und meine Seele. Ich bin immer wieder dankbar dafür, dass ich damit meinen Weg gefunden habe, und weiß, dass ich dessen niemals überdrüssig werde. Wirkliche Leitlinien habe ich nicht, abgesehen von harter Arbeit, viel Üben und dem exakten Studieren meiner Partien, um an das heranzukommen, was in ihnen steckt und was ich aus ihnen machen kann. Es geht um musikalische Fantasie und absoluten Fokus. Besonderen Spaß macht ein Projekt, wenn ich spüre, dass meine Kolleg:innen denselben Ansatz verfolgen.

Sie haben die klassische Musik in Ihrer Arbeit immer wieder bewusst verlassen. In Bregenz zeigen Sie Ihren Chansonabend Douce France, der den Bogen von französischen Chansons über Berliner Lieder bis zur schwedischen Volksmusik spannt. Was reizt Sie am genreübergreifenden Arbeiten?

Die Antwort ist einfach: Wenn die Musik gut ist und ich sie singen kann, dann mache ich das! Die Berliner Lieder und die französischen Chansons stammen aus den 1930er- bis 1950er-Jahren. Ihre Komponist:innen waren oft klassisch ausgebildet, die musikalische Sprache ist extrem abwechslungsreich und originell. Die Gesangslinien machen Spaß und auch die Texte sind sehr unterhaltsam, zuweilen tiefsinnig. Definitiv eine Blütezeit der Populärmusik!

Zu guter Letzt, worauf freuen Sie sich in Bregenz?

Ich hoffe, dass ich neben der Arbeit Zeit finde, in den Bregenzerwald zu fahren. Ich habe in der Vergangenheit öfters in Schwarzenberg bei der Schubertiade gesungen, die Landschaft dort ist einfach atemberaubend. Ich liebe Wandern, und an schönen Tagen ist ein Bad in einem eiskalten Fluss genau das Richtige! Ich freue mich auch darauf, den Sonnenuntergang über dem Bodensee zu erleben und dabei einen leckeren Cocktail zu schlürfen!
 

Frau mit hochgestecktem blondem Haar und schwarzem ärmellosem Oberteil sitzt vor einem Tisch mit schwarzer Tischdecke vor einer Kulisse aus blühenden Pflanzen

Anne Sofie von Otter ist eine der führenden Mezzosopranistinnen unserer Zeit. Geboren in Stockholm, führte sie ihre Karriere regelmäßig auf die renommiertesten Bühnen der Welt. Mit stilistischer Vielseitigkeit verbindet sie Oper, Lied und zeitgenössische Projekte und arbeitet mit Künstler:innen weltweit zusammen. 2015 wurde Douce France als bestes klassisches Solo-Gesangsalbum mit einem Grammy ausgezeichnet.