Text: Babette Karner
Der Text erschien in Ausgabe 3 (6/26).
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Gezähmtes Grün
Was wird aus uns Menschen, wenn wir jeglichen Schmerz – seelisch oder körperlich – aus dem Leben verbannen und unser Dasein nur noch sicher, kontrolliert und wohltuend ist? Passion of the Common Man rückt diese einfache, aber zutiefst beunruhigende Frage ins Zentrum einer säkularen Leidensgeschichte – und findet ein ebenso schlichtes wie irritierendes Bild: gezüchteten Salat.

Passion of the Common Man ist die Vision einer betäubten, schmerzlosen Welt – und fragt, was die Menschheit verliert, wenn es gelingt, jeden Widerstand und jedes Risiko aus dem Leben zu eliminieren. Wenn „Leiden“ keine durch und durch menschliche Erfahrung mehr ist, sondern schlicht ein technisch lösbares Problem?
Das klingt zunächst theoretisch und abstrakt – und doch findet Regisseurin Netia Jones dafür ein eindrückliches Bild: eine Installation aus mehr als tausend Salatköpfen. Was zunächst fast komisch wirkt, entpuppt sich als beklemmendes Sinnbild totaler Kontrolle. Denn die Pflanzen in der Welt ihrer Inszenierung kennen weder Sonne noch Erde, keinen Wind, keinen Regen – und auch keine Schnecken. Versorgt durch exakt dosierte Nährlösungen wachsen sie im Licht präzise gesteuerter LED-Lampen heran. Netia Jones macht den Salat zum Bild einer futuristischen Gesellschaft, die ungezähmte Lebendigkeit gegen sterile Sicherheit eingetauscht hat.
Von der Idee zu 1.500 realen Salatköpfen
So weit die Theorie. Was in der Computeranimation der Regisseurin täuschend einfach gewirkt hatte, war in der Praxis eine handfeste Herausforderung: Wie verwandelt man die Werkstattbühne in ein funktionierendes Labor für lebendes Grüngemüse?
Wie sooft im Theater stand die künstlerische Idee erst einmal im Raum – und das Technikteam kratzte sich skeptisch am Kopf: „Salatköpfe, die zehn Tage lang als Bühnenbild funktionieren sollen?“ Es begann, was Theater so häufig ausmacht: die Suche nach Lösungen für das scheinbar Unmögliche. Telefonate folgten, Nachfragen, Recherchen. Klar war: Kunststoff kommt nicht in Frage – wenn Salat, dann echter. Schließlich fand man einen Vorarlberger Betrieb, der sich auf die Aufzucht von Salatsetzlingen in kontrollierter Umgebung spezialisiert hat. Dort werden nun rund 1.500 Pflanzen vorgezogen und im Juli samt Wurzeln in die Werkstattbühne geliefert.
Das Bühnenbild wird zu einem Gewächshaus, in dem die Salatköpfe fünf Tage lang leben werden: in Wannen, versorgt mit Nährlösung und beleuchtet von LEDs, die Tageslicht imitieren. Erst wenige Tage vor der Premiere wird der Salat hier einziehen und muss die Proben- und Aufführungszeit möglichst unbeschadet überstehen. Ein lebendes Bühnenbild ist ein Spiel mit der Kontrolle – ganz im Sinne des Stücks: Trotz aller Technik bleibt ein Restrisiko bestehen.
Gleichzeitig ist die Installation überraschend wiederverwertbar: Die Wannen werden neu genutzt, die Stahlregale recycelt. Und die Salatköpfe? Die landen nicht in der Festspielküche – eine Bühne ist keine lebensmittelsichere Umgebung –, sondern schlicht auf dem Kompost.
Passion of the Common Man
Daníel Bjarnason, Royce Vavrek
31. Juli 2026 – 20.00 Uhr Premiere
Werkstattbühne
