Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Last change on 26. Juli 2026

Text: Johanna Fußenegger
Der Text erschien in Ausgabe 4 (7/26). 

Reading time 6 Min.

700 Herzpailletten und ein Liebestrank

Die Werkstätten der Bregenzer Festspiele verwandeln Gaetano Donizettis L’elisir d’amore in eine farbenfrohe Highschool-Welt der 1970er-Jahre. Zwischen Herzpailletten, gelben Ziegeln und einer teilbaren Tribüne entsteht eine moderne Version der Romantikkomödie rund um Nemorino und einen vermeintlichen Liebestrank.

Hände legen pinke Herzapplikationen auf silberglänzenden Stoff mit Maßband auf grünem Schneideuntergrund.

Nähmaschinen laufen, Stoffe gleiten über Arbeitstische, in einem kleinen Nebenraum wartet ein Kleiderständer voller neonbunter Kostümteile auf seinen Einsatz. In der Kostümwerkstatt der Bregenzer Festspiele wird schon sichtbar, wohin die Reise geht: Regisseurin Anna Kelo holt Donizettis Oper L’elisir d’amore aus dem 19. Jahrhundert in eine amerikanische Highschool ganz im Stil der 1970er-Jahre. Das Bühnenbild und die Kostüme werden von Tinde Lappalainen entworfen – und zeigen eindrucksvoll, dass klassische Oper und Teenie-Drama zusammenpassen können.

Opernklassiker trifft Highschool-Look

„Die Kostüme sind größtenteils getrödelt – also ausgewählte Second-Hand-Kleidung, die wir für das Stück gekauft haben“, erzählt Abteilungsleiterin Lenka Radecky. Nach dem Kauf werden die Kleidungsstücke den Vorstellungen der Kostümdesignerin und den Maßen der Sänger:innen angepasst. So erhalten etwa orange-graue Sportjacken blaue Akzente, damit sie sich besser ins Gesamtbild der Szene fügen. „Gerade Hemden und Sportkleidung kaufen wir gerne zu, damit sie auch authentisch wirken. Viele dieser Schnitte ließen sich bei uns gar nicht originalgetreu herstellen, da dafür spezielle Maschinen benötigt werden”, erklärt Radecky.

Andere Kostüme entstehen hingegen in Handarbeit. Dazu gehört auch eine Hose für Nemorino mit rund 700 Herzpailletten, jede etwa drei Zentimeter groß und inspiriert von einem Bühnenoutfit des britischen Musikers und Schauspielers Harry Styles, das er auf seiner Love On Tour trug.

Kostüm mit schwarz-weißem Fellmuster auf Schneiderpuppe vor bunter Garderobe mit verschiedenen Kleidungsstücken.

Favoriten habe sie unter den Kostümen keine, sagt Lenka Radecky: „Ich sehe sie wie Kinder, die alle ihren eigenen Charakter haben und die man irgendwann loslassen muss.“ Manche bräuchten allerdings mehr Aufmerksamkeit als andere. Bei L’elisir d’amore gelte das vor allem für die Kostüme von Adina, Nemorino und Dulcamara.

Farben spielen in der Inszenierung eine zentrale Rolle. Die Kostüme reichen von Pink über Orange und Grün bis hin zu Blau- und Grautönen. Besonders auffällig ist der grau-schwarze Mantel des exzentrischen Doktors Dulcamara. Er verkauft dem unsterblich in Adina verliebten Nemorino einen vermeintlichen Liebestrank und trägt seine Wundermittel in zahlreichen Innentaschen mit sich herum. „Ein Mantelladen“, schmunzelt Radecky. Der übergroße Mantel bietet dafür reichlich Platz.

Kostüm mit großen, runden, silbernen und goldfarbenen Pailletten an einem schwarzen Träger vor einem pink-violett gemusterten Kleid auf einem Kleiderbügel.

Insgesamt orientieren sich die Entwürfe an der Mode der 1970er- und 1980er-Jahre, greifen aber auch Einflüsse aus der Rap-Kultur auf. Durch das Highschool-Ambiente, das an die Netflix-Serie Sex Education erinnert, wird die Oper für das heutige Publikum greifbarer. Der zweite Akt des Stücks, der mit einer der schönsten Tenor-Arien der Opernliteratur aufwartet, bietet dem Publikum im Kornmarkttheater ein besonderes Highlight: Wenn das Licht auf Adinas Party ausgeht, beginnen die Kostüme der Sänger:innen zu leuchten.

Gelbe Ziegelwand und Teppiche in Marmoroptik

Direkt neben dem Atelier der Kostümabteilung befindet sich die Werkstatt der Kaschur. Schon beim Betreten riecht es intensiv nach Lack und Farbe. Hier beginnt die Arbeit, wenn andere Abteilungen schon beinahe fertig sind: Das Team der Kaschur bemalt Wände und Kulissenteile, die in der Tischlerei gebaut wurden. Der erste Akt von L’elisir d’amore spielt auf dem Vorplatz der Schule. Für die Ziegelwand des Gebäudes werden aus Styropor-Resten Ziegelsteine geschnitzt und anschließend auf eine Holzplatte gepuzzelt. Die Wand wird gelb, die Fenster in dunklem Petrol gestrichen.

Zwei tätowierte Arme halten einen blauen Fensterrahmen vor eine weiße Wand mit rechteckigen Vertiefungen.

Auch eine große Uhr in der Mitte der Fassade wird von der Abteilung gefertigt. Am Boden liegen Teppiche – einige in Asphaltoptik bemalt, andere sollen später einen Marmor-Look erhalten. Neben großflächiger Flachmalerei und Oberflächengestaltung kommt auch etwas Detailarbeit hinzu, wie Robert Grammel, Leiter der Kaschurabteilung, erklärt. „Für die Hausparty im zweiten Akt fertigen wir Wandbilder. Zwei davon malen wir komplett selbst, zwei andere sind Vordrucke, die wir übermalen, damit sie wie echte Gemälde wirken.“

Spagat zwischen Ästhetik und Sicherheit

Ein Stockwerk tiefer, in der Schlosserei, arbeitet das Team rund um Leiter Stefan Hortig an einer Tribüne für das Bühnenbild. Sie dient den Schüler:innen im ersten Akt als Treffpunkt und Sitzgelegenheit auf dem Schulhof. Die Tribünenteile sind aus Stahlprofilen mit Holzelementen gefertigt, werden mithilfe von Steckscharnieren miteinander verbunden und verfügen über gepolsterte Sitze. Dabei ist die Herausforderung, die rund 3,5 Meter lange und 1,2 Meter breite Tribüne so zu gestalten, dass sie teilbar ist. Nur so kann im Brandfall der eiserne Vorhang heruntergefahren werden, der zur Sicherheit den Bühnen- vom Publikumsbereich trennt. „Unsere erste Idee war es, den beweglichen Teil der Tribüne auf Rollen zu bauen, das hat uns aber für das Gesamtbild nicht gefallen“, meint Stefan Hortig. Schließlich wurde das Problem mit einem Teppich gelöst – auf ihm lässt sich der vordere Teil der Bühne im Notfall schnell nach vorne ziehen. Eine Absturzsicherung sorgt dafür, dass die Sänger:innen auf der zwei Meter hohen Konstruktion gefahrlos auftreten können. Viele der Bühnenelemente werden im Schnürboden über der Bühne aufgehängt, wodurch sich die szenischen Räume rasch verwandeln lassen.

Im Vergleich zur Produktion auf der Seebühne ist das Bühnenbild von L’elisir d’amore zwar weniger aufwendig, verliert dadurch aber nicht seine Wirkung. Statt auf spektakuläre Größe setzt die Produktion auf die Kraft der Inszenierung: Highschool-Atmosphäre, Spielwitz und eine schlüssige Übersetzung des Stoffes in die jüngere Vergangenheit. Mit viel Liebe zum Detail entsteht so eine farbenfrohe Welt, die Erinnerungen an die eigene Schulzeit weckt und Donizettis Liebesgeschichte nahbar macht. Und vielleicht regt sie das Publikum auch dazu an, darüber nachzudenken, wie die eigene Geschichte mit einem Liebestrank verlaufen wäre. Zu sehen ist die mitreißende Coming-of-Age-Geschichte ab 17. August 2026 im Theater am Kornmarkt.

L'elisir d'amore
Gaetano Donizetti

 

17. August 2026 – 19.30 Uhr Premiere
Theater am Kornmarkt


Eine Produktion des Opernstudios der Bregenzer Festspiele mit freundlicher Unterstützung des internationalen Gesangswettbewerbs NEUE STIMMEN der Liz Mohn Stiftung