Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Last change on 10. Juni 2026

Text: Julia Schafferhofer
Der Text erschien in Ausgabe 3 (6/26). 

Reading time 5 Min.

Die letzte Auster wird aufgedeckt

Die junge preisgekrönte Komponistin Wen Liu und ihr Kollektiv M.A.R.S. haben mit YUM! ein immersives Opern-Spektakel zwischen XR-Genuss, Figuren am Abgrund, Hashtag-Melodien und Bling-Bling-Optik konzipiert. Satire würzt das Menü, das nach bitterer Gegenwart und überzuckerter Fake-Welt schmeckt.

Drei Personen in rosa Anzügen mit weißen Hemden und weißen Handschuhen tragen große lachende Emoji-Masken als Köpfe

In Hollywood hat das dekadente Leben der Superreichen Hochkonjunktur. Serien wie The White Lotus und Filme wie The Menu und Triangle of Sadness leuchten den begüterten Alltag zwischen Privatjet und Luxus-Anwesen satirisch aus – inklusive moralischem Verfall und sozialer Spaltung. Der Slogan „Eat the rich“ hat sich zum kulturellen Hype aufgeheizt. Essen fungiert in diesen Erzählungen nicht selten als starkes Symbol – es verdichtet soziale Ungleichheiten und zeigt die Absurditäten der Upperclass auf.

In der experimentellen XR-Oper YUM! lädt das junge internationale und in Wien ansässige Kollektiv M.A.R.S. (Music Art Research Science) in ein dystopisches Dinner-Setting. Das Konzept erhielt den renommierten FEDORA Digital Prize 2025. „Für mich war es immer wichtig, die Menschen im Publikum aus ihrer Passivität zu holen, sie aktiv einzubeziehen, ihnen eine Stimme zu geben und sie zur Partizipation zu animieren“, erklärt Komponistin Wen Liu, die auch das Libretto verfasste.

„Die Oper spielt vor dem Hintergrund einer Welt, in der schon alles kaputt ist. Der Klimawandel ist Geschichte, wir befinden uns im Zeitalter des Klima-Desasters. Luxusprodukte wie Austern, Kaviar oder Trüffel existieren nicht mehr“, betont sie. Für Superreiche ist der Verzicht keine Option, sie versuchen, den Luxus künstlich wiederherzustellen. Willkommen zum immersiven Menü der Extraklasse!

Goldfarbener Hummer mit einer Virtual-Reality-Brille, auf der 'YUM!' steht

„In dieser Inszenierung bekommt man den Spiegel vorgehalten. Wir erzählen von der Welt, in der wir leben, und zeigen mit den Mitteln der Satire und Überspitzung auf, wie es vielleicht in zehn Jahren sein könnte. Dann fragt man sich: Was ist jetzt noch real? Was davon ist ein digitaler Filter, ein Aufmerksamkeitsfilter oder ein Blasenfilter? Und all das in einem sehr dunklen, sozial-kritischen Humor“, sagt Bühnen- und Kostümbildnerin Lisa Horvath.

Die Werkstattbühne wird zum auserlesenen Ort. „Wir tauchen ein in ein Super-High-Class-Restaurant, in das die Leute nur kommen, wenn sie einem elitären Kreis angehören, also ausgewählt worden sind“, erklärt Liu ihr künstlerisches Konzept für fünf Solist:innen, ein Streichquartett und acht ausgesuchte Tischgäste.
Es ist eine illustre Truppe: „Jede Figur hat einen eigenen Charakter und ein eigenes musikalisches Motiv.“ Die Gastgeberin Madame D. hat eine besonders ausgefallene Tonalität. Der narzisstische Influencer Luka spricht in Hashtags. Jeder Hashtag ist von einer Hashtag-Melodie begleitet. Die Popsängerin Nyra ist eine schlechte Musikerin, kompensiert das durch die große Geste und Star-Allüren. Was sie alle eint: „Jede Figur muss in jeder Szene belegen, dass sie die wichtigste an diesem Tisch ist.“ Ein Sessel bleibt leer und alle fragen sich, ob er, der mysteriöse Mr. M., noch kommen wird. „Er verkörpert eine Elon-Musk-Figur“, sagt Liu.
 

Für mich war es immer wichtig, den Menschen im Publikum eine Stimme zu geben.

Wen Liu

Das Menü listet Gänge namens „Die letzte Koralle“ oder „Kirschblüten-Dämmerung“. Die Uraufführung arbeitet mit XR-Technologie und anderen digitalen Tools und entlarvt Fake-Welten. „Am Anfang stand die Idee, dass alle an einen Tisch kommen, die Smartphones in der Hand. Sie machen ein Foto, legen einen Filter darüber, posten das auf Social Media. So, als würden sie mit dem Handy essen. Du siehst, damit du isst. Die virtuelle Realität ist ein Symbol für die Geschichte“, erinnert sich die Komponistin. „Wir haben das wörtlich genommen und experimentiert: Es liegt ein Gelee vor dir, dank VR-Brille siehst du einen Hummer – und es funktioniert. Es schmeckt auch nach Hummer.“

Ansprechend angerichtete Sushi-Platte mit rohem Fisch, garniert mit goldfarbenem Honig oder Sirup, kleinen lila Blüten und einer Spitze aus durchsichtigen Perlen.

Artificial Authenticity, artifizielle Authentizität, nennt Studio M.A.R.S. das Konzept, das KI-generierte Optik mit Retro-Ästhetik vereint. Welche virtuellen Welten haben keine Verbindung mehr zur realen? Was ist fake? Was echt? „Es macht sehr viel Spaß, in der überbordenden Luxus- und Fake-Welt mit der Überspitzung zu spielen und auf der Bühne sowie in den Kostümen die Schraube ein bisschen weiterzudrehen“, sagt Horvath. Sie habe sich gefragt: „Welche neuen Strömungen gibt es aktuell in der Mode und wie könnte man diese extrem für eine Zukunft denken?“ Die Entwürfe strahlen eine retrofuturistische Ästhetik aus, historische Referenzen sind Barock sowie Rokoko, Pop-Art, die 1960er/70er-Jahre, die Stoffe sind stark haptisch und visuell präsent wie Seide, Fell, Leder, Pailletten, Glitzer. YUM!-Masken erinnern an Smiley-Emojis. Auch die Natur spielt eine Rolle: „Die Kostüme des Streichquartetts sind vom Fellmuster von Tieren inspiriert, die bald ausgestorben sein könnten.“ Weil es Show-Kleidung sei, befinde sich auf ihrem Moodboard auch David Bowie. „Er war ja seiner Zeit voraus.“

Zwei Frauen sitzen auf Stühlen auf einer Bühne vor einer Holzvertäfelung, im Hintergrund eine große Leinwand mit einer bunten Grafik

Die Bühne für YUM! ist extravagant. „Visuell spielen wir mit mehreren Projektionsebenen: Das Publikum sieht auf Leinwänden das, was einige wenige Leute durch die VR-Brillen sehen“, sagt sie. Liu ergänzt: „Die anderen Figuren haben eine XR-App, machen Fotos. So wird das, was sie auf ihrem Handy sehen, plötzlich Teil des Bühnenbilds. Dazwischen sehen sie Werbung, manipulative Propaganda – im Times-Square-Dauerwerbe-Style.“

Eine ästhetische Überforderung? Eher ein Abbild der digitalen Gegenwart und ein Blick in die Zukunft. Man darf gespannt sein, wie sich dieses Opernexperiment entwickelt. Zu sehen am 20. und 22. August 2026 auf der Werkstattbühne.

VR, AR und XR sind Begriffe für Technologien, die virtuelle und reale Welten verbinden. Augmented Reality (AR) legt digitale Elemente über das reale Bild. Virtual Reality (VR) erzeugt eine vollständig virtuelle Umgebung, die meist über eine VR-Brille erlebt wird. Extended Reality (XR) dient als Sammelbegriff für diese und weitere immersive Technologien.