Bregenzer

Festspielzeit

blaue illustrierte Wellen
Last change on 27. Juli 2026

Text: Babette Karner
Der Text erschien in Ausgabe 4 (7/26). 

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Nach allen Regeln der Kunst

Bevor die große Inszenierung auf der Seebühne beginnt, raschelt erst einmal Papier. Während Informationen verteilt, Hände geschüttelt und erste Gespräche geführt werden, nimmt an einem Junitag Gestalt an, was sechs Wochen später als La traviata vor tausenden Zuschauer:innen lebendig wird.

Seebühne mit großem roten Ring und spiegelnder, geometrisch gebrochener Fassade bei Sonnenuntergang auf einem See.

Der Tag, an dem eine neue Seebühnensaison ihren Anfang nimmt, beginnt nicht mit Verdi, nicht mit Operngesang, ja nicht einmal mit einer Probe. Er startet mit Bankverbindungen, Sozialversicherungsnummern und A1-Formularen. Im Parkstudio des Bregenzer Festspielhauses hat sich bereits am frühen Vormittag eine Schlange gebildet. Immer mehr Sänger:innen, Tänzer:innen und Regieassistent:innen aus den verschiedensten Ländern treffen ein. Draußen hat sich nach ein paar kalten Regentagen endlich die Frühsommersonne durchgesetzt, drinnen empfängt das Team des künstlerischen Betriebsbüros, heute einheitlich in schwarzen Poloshirts mit Festspiellogo gekleidet, hinter dem Counter die aufgeregten Neuankömmlinge.

Wer seine Bankverbindung und die erforderlichen Formulare abgeliefert hat, bekommt seine „Künstlermappe“ überreicht – vollgepackt mit Informationen für die kommenden Monate – von Notdiensten und Fahrradverleih bis hin zu wichtigen Ansprechpartner:innen.

Und schließlich das wichtigste Accessoire des Sommers: den Festspielausweis. Bis Ende August wird er auf dem Gelände zum ständigen Begleiter, abgelegt nur zum Schwimmen oder Duschen.

It needs a lot of people to make an opera come to life.

Jaakko Kortekangas

Ein Team entsteht

Während am Counter die Formulare geprüft werden, entstehen rund um die Kaffeemaschine, die am anderen Ende des Raums im Dauerbetrieb mahlt und brüht, die ersten Bekanntschaften. Noch sind alle ein wenig schüchtern und die Grüppchen bilden sich vor allem nach Sprache, manchmal auch nach Beruf. Hier Italienisch, dort Englisch, dazwischen Spanisch und Deutsch. „Hi, I am Gianluca.“ – „Nice to meet you.“ Es sind die ersten zaghaften Gespräche eines langen, ereignisreichen Sommers, der gerade erst begonnen hat. Die Fragen, die an diesem Vormittag gestellt werden, sind nicht immer künstlerischer Natur. „Could you help me with the coffee machine?“


Zwischen Croissants, Kaffeebechern und Rollkoffern bewegt sich Jaakko Kortekangas durch den Raum. Der Künstlerische Betriebsdirektor begrüßt Neuankömmlinge, beantwortet Fragen und versucht immer wieder, Gesichter mit den professionellen Porträtfotos in Einklang zu bringen, die er seit Monaten vor sich hat. Das ist hin und wieder gar nicht so leicht.

Mann in dunkelblauem Jeanshemd lehnt mit einer Hand an einem Holzrahmen, die andere Hand in der Hosentasche.

Auch der Regisseur steht in der Schlange. Damiano Michieletto wartet geduldig auf seinen Ausweis, begrüßt Bekannte und verschwindet immer wieder in kurzen Gesprächen. Auch für ihn beginnt heute sein erster Bregenzer Festspielsommer. Eine Stunde später ist die Seegalerie mit ihrem Panoramablick auf die Seebühne bis auf den letzten Platz gefüllt. „It needs a lot of people to make an opera come to life“, sagt Jaakko Kortekangas. Tatsächlich. Die Liste der Menschen, die an La traviata mitwirken und die heute hier sind, scheint endlos. Produktionsleitung, Regieteam, Solist:innen, Chor, Tänzer:innen, Technik, Maske, Kostüm, Licht, Ton, aber auch Marketing, Presse, Personalabteilung. Nach beinahe jedem Namen brandet Applaus auf. „Bitte nicht für alle klatschen, sonst sind wir morgen noch hier“, mahnt Kortekangas lachend – und vergeblich. Der Enthusiasmus dieses ersten Tages ist nicht zu bremsen. Wenig später klingelt sein Telefon. „Sorry, I am busy!“ Gelächter im Saal.

Ein Konzept wird Wirklichkeit

Immer wieder wandern die staunenden Blicke der Anwesenden nach draußen auf den Bodensee und auf das imposante Bühnenbild. Nachdem die Vorstellungsrunde vorbei und die letzten organisatorischen Hinweise zu Sicherheit und festem Schuhwerk besprochen sind, folgt der Höhepunkt des Tages: das Regiekonzept. 

Damiano Michieletto mit Brille und schwarzer Lederjacke hält Mikrofon und spricht vor einem Bildschirm mit Abbildungen des Bühnenbilds.

Zwischen dem Modell der Seebühne und den Wänden mit den Kostüm- und Bühnenentwürfen tritt Damiano Michieletto vor den großen Bildschirm. Drei Jahre ist es her, seit er mit Intendantin Lilli Paasikivi die ersten Gespräche über dieses Projekt geführt hat. Die Arbeit für die Seebühne sei völlig anders als die Arbeit in einem Opernhaus, betont Michieletto gleich zu Beginn. Sie sei ein einzigartiger Ort, der eigene Lösungen verlange. „Oper besteht aus vielen verschiedenen Elementen, die zusammenwirken müssen. Wenn das gelingt, funktioniert sie als Einheit“, sagt der Regisseur. Denn die Menschen kämen ins Theater, „um sich als Teil dieser Emotion und dieses Erlebnisses zu fühlen.“

Oper besteht aus vielen verschiedenen Elementen, die zusammenwirken müssen. Wenn das gelingt, funktioniert sie als Einheit.

Damiano Michieletto
Bühnenmodell mit zerbrochenen, wirkenden Spiegel-Elementen und kleinen weißen Figuren auf schwarzer Grundfläche.

Im Zentrum der Inszenierung steht ein Bild: ein zerbrochener Spiegel. Für Michieletto ist er die Metapher für Violetta Valéry. Eine Frau, die von der Gesellschaft bewundert wird und gleichzeitig an ihr zerbricht. Zwischen Champagner, Poolpartys und dem Glanz der Goldenen 1920er-Jahre entfaltet das italienische Regieteam eine Geschichte von Liebe, Krankheit und Verlust. Alle sehen Violettas Lächeln, ihre Schönheit, ihre Rolle. Doch kaum jemand erkennt die Verletzlichkeit, die sich hinter der glamourösen Fassade verbirgt.

Michieletto schildert, wie Erinnerungen mittels Filmprojektionen auf der riesigen Spiegelfläche sichtbar werden, und erzählt von Blumen, die aus Rissen und Bruchstellen wachsen.

Silhouetten von zwei Personen im Wasser bei Sonnenuntergang, eine Person trägt die andere auf den Schultern, im Vordergrund schwimmende Kugeln und im Hintergrund ein Steg.

Immer wieder geht es um die Herausforderung, wie auf einer monumentalen Bühne Nähe entstehen kann. „Die Menschen kaufen eine Karte, weil sie etwas erleben und etwas fühlen möchten.“ Bis es jedoch so weit ist, liegen an diesem Junitag noch sechs intensive Wochen Arbeit vor dem Ensemble und dem Regieteam. Es gibt unzählige Handgriffe zu erledigen, Noten zu singen und Entscheidungen zu treffen, bis aus den Ideen, Entwürfen und Konzepten die Bregenzer La traviata entsteht.

La traviata
Giuseppe Verdi

 

22. Juli 2026 – 21.15 Uhr Premiere
Seebühne

 

Aufgrund der überwältigenden Nachfrage sind die Vorstellungen von La traviata 2026 ausverkauft. Vereinzelt gelangen Karten aus Rückgaben wieder in den Verkauf und sind dann im Online-Shop verfügbar.

Der Vorverkauf für La traviata 2027 startet online am 23. August 2026, 21.00 Uhr.