Text: Viola Bierich
Der Text erschien in Ausgabe 4 (7/26).
Reading time 3 Min.
Das Wechselspiel des Lebens einfangen
Der Kammermusikabend Dreamers and the Departed bewegt sich zwischen Traum und Abschied, Zärtlichkeit und Verlust – und spürt Gefühlen nach, die über sprachliche wie geografische Grenzen hinweg berühren.

Gleich in vier Sprachen – auf Englisch, Russisch, Deutsch und Französisch – lotet das Programm des Liederabends Dreamers and the Departed die Bandbreite des menschlichen Fühlens und der menschlichen Fantasie aus. Gestaltet wird der Abend von Kammermusik- und Liedpianist James Baillieu und Bariton Jacques Imbrailo, der bei den diesjährigen Festspielen auch in der Uraufführung des weltlichen Oratoriums Passion of the Common Man zu erleben ist.
Die Werke, die im Konzert erklingen, entstanden in den 40 Jahren von 1893 bis 1933 – an der Scheide des 19. ins 20. Jahrhundert, in einer Zeit des Aufbruchs und Umbruchs, in der der Erste Weltkrieg eine dramatische Zäsur markiert. Allgegenwärtig ist in diesen Liedern der Tod – doch er ist nicht allein; an seiner Seite gehen die Hoffnung und die Wehmut, die Träumerei und eine unendliche Zärtlichkeit.
Von Aufbruch, Umbruch und Abschied
Eröffnet wird das Konzert mit George Butterworths Liederzyklus Six Songs from ‚A Shropshire Lad‘, in dem dieser Texte des Dichters A. E. Housman vertonte. Uraufgeführt im April 1912 in London, bestechen die Lieder durch ihre schnörkellose Setzung in Musik und ihre erzählerische Klarheit. Vor dem Hintergrund einer pastoral verklärten, ländlichen Idylle sinniert der männliche Erzähler in melancholischer Stimmung über die Vergänglichkeit der Liebe und der Jugend.
Von Sergej Rachmaninows – im deutschsprachigen Raum wenig bekannten Liedern – sind zwei in diesem Konzert zu hören. Mit An die Kinder und Kind, du bist so schön wie eine Blume wechseln wir die Perspektive gegenüber den Six Songs from ‚A Shropshire Lad‘: Ein älterer Mensch reflektiert hier über die Unbescholtenheit von Kindern. Fürsorge mischt sich in den Gesangsmelodien, die sich ausdrucksstark über die schlichte Akkordbegleitung des Klaviers erheben, mit Angst um das junge, zerbrechliche Leben.
Rachmaninows Lyrik leitet hin auf Gustav Mahlers Kindertotenlieder. Sie beruhen auf Gedichten Friedrich Rückerts, die dieser schrieb, nachdem er in den Jahren 1833/34 zwei seiner Kinder verloren hatte. Mahler vertonte die Lieder für Singstimme mit Orchesterbegleitung, veröffentlichte aber auch die Klavierfassung, die in diesem Konzert zu hören ist und den Liedern eine größere Intimität und Nähe verleiht. Geprägt von starkem Dur-/Moll-Dualismus, in dem sich die Trauer mit dem Tröstlichen mischt, versuchen die Lieder mit herzzerreißend liebevoller Zärtlichkeit den Verlust zu fassen.
Mit Fantasie gegen die Wirklichkeit
Den Abschluss bildet Maurice Ravels dreiteiliger Liederzyklus Don Quichotte à Dulcinée. Alle drei Lieder beruhen auf spanischen Tanzrhythmen und bringen funkelnd und farbenreich die schmachtende Liebe des „Ritters von der traurigen Gestalt“ zu seiner Traumgeliebten Dulcinea del Toboso zum Ausdruck. Mit aufmüpfigem Humor und Ironie präsentiert sich hier Don Quichottes Fantasiewelt als ein Gegenentwurf zur Realität: In der Kunst erfüllt sich das Unmögliche – die Sterne können vom Himmel geholt und der Lauf der Dinge kann angehalten werden.
Dreamers and the Departed
Liederabend
9. August 2026 – 19.00 Uhr
Festspielhaus, Seestudio



