Text: Kathrin Grabher
Der Text erschien in Ausgabe 4 (7/26).
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Ein „Hoch!“ gegen die Komfortzone
In ihrem Stück under the influence erzählt Natalie Baudy von drei Frauen, die in einem Ausnahmezustand Routine finden – und einander: Lieselott, Anja und Ems. Das folgende Interview ist kein reales Gespräch, sondern ein Spiel mit dem Stück und seinen Figuren. Sie blicken darin auf ihre Geschichte zurück und auf eine Kraft, die Kontrolle und Vernunft ins Wanken bringt. Im August feiert under the influence am Theater KOSMOS seine Uraufführung; Regie führt Josef Maria Krasanovsky.

Vor einiger Zeit suchten seltsame Phänomene ein Wohnhaus in der Stadt heim, unter anderem Blutregen und Sandstürme. Lieselott, Anja und Ems, Sie waren die letzten, die das Haus verlassen haben. Mittlerweile sind auch Sie ausgezogen und wir treffen uns hier auf der schönen Insel Zypern. Wie hat Ihre Bekanntschaft begonnen?
Anja: Wie Sie angesprochen haben: mit einer Krise – und die schweißen bekanntlich zusammen. Von einem Tag auf den anderen regnete es im Lichthof unseres Hauses Würmer. Später Frösche, einmal sogar Sportsocken. Viele sind panisch ausgezogen, wir sind geblieben. Eines Tages standen wir uns auf dem Flur gegenüber.
Lieselott: Nicht mehr alleine zu sein mit seinem privaten Weltuntergang, war ein befreiendes Gefühl. Das verbindet. Ems hat uns zu sich eingeladen …
Ems: Und irgendwer hat dann gefragt, ob wir etwas trinken sollen.
Wer war das?
Ems: So genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren.
Wie konnten Sie es so lange in dem geplagten Haus aushalten? Sie hätten einfach immer weiter getrunken, sagt man …
Lieselott: Ja. Aber Sie sagen das so, als wäre das verurteilenswert. Wenn einem buchstäblich der Himmel auf den Kopf fällt, braucht man etwas, an dem man sich festhalten kann! Ein Glas. Einen Tisch. Eine Person, die versteht, wie es einem geht.
Die Autorin und Dramaturgin Natalie Baudy hat ein Theaterstück über Ihre Geschichte geschrieben – under the influence. Es hat den Autor:innenwettbewerb der Österreichischen Theaterallianz gewonnen und feiert am 12. August Premiere bei den Bregenzer Festspielen. Warum sollte man sich das Stück ansehen?
Anja: Wir sind schon sehr gespannt, wie es auf der Bühne umgesetzt wird! Josef Maria Krasanovsky führt Regie, manche kennen vielleicht sein Stück Mondmilch trinken, ebenfalls ein Gewinnerstück des Wettbewerbs, das 2024 in Bregenz zu erleben war. Es kann also nur gut werden – komisch, musikalisch und etwas überdreht!
Lieselott: Wir sind drei sehr unterschiedliche Frauen – wir kommen aus unterschiedlichen Generationen und bringen verschiedene Biografien mit. Und dann ist da noch Dionysos, die Hausmeisterin, die dem Geschehen eine ganz eigene Ebene verleiht.
Ems: Es geht nicht darum, dass wir trinken. Es geht um das Davor. Welche Einflüsse bringen eine auf den Gedanken, eine Flasche Wein aufzumachen?
Angesichts der vielen negativen Folgen von Alkohol klingt das etwas verklärend.
Anja: Vielleicht. Wir sind mit Alkohol aufgewachsen, er war immer Teil unseres Lebens. Lieselott trägt ihn als Familiengeschichte mit sich herum. Bei ihr ist Alkohol nicht Glamour, sondern Erbe. „Frauengold“ galt als Hausmittel gegen nahezu alles.
Lieselott: „Frauengold schafft Wohlbehagen, wohlgemerkt an allen Tagen!“ – so lautete der Werbeslgan. Lesen Sie das nach. Als ich jung war, in den 1950ern, haben wir das alle getrunken. Viele Frauen mussten im Krieg die Rolle der Männer übernehmen und arbeiteten auch danach weiter. Wir hatten uns verändert, die gesellschaftlichen Erwartungen an uns jedoch kaum. Männer haben ja nicht plötzlich angefangen, sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. „Frauengold“ half gegen die Erschöpfung.
Anja: Es hatte ja auch über 16 Prozent Alkohol!
Lieselott: Ja gut, aber die Männer tranken Korn, um klarzukommen. Unseres hatte wenigstens ein schönes Etikett!
Auch heutzutage hat die Werbung die Frauen als ausbaufähige Zielgruppen entdeckt. Studien zeigen, dass besonders bei jungen, gut gebildeten Frauen der Alkoholkonsum steigt. Während es bei Männern andersherum ist: Sie greifen eher bei niedrigerem Bildungsniveau zum Glas. Ems, Sie sind die Jüngste – ist das ein Thema für Sie?
Ems: Ich glaube schon. Trinken sieht bei Frauen heute oft nach Freiheit aus. Man hat keinen Alkohol; man hat ein Glas voller pastellfarbenem Luxus, in dem leuchtende Beeren herumschwimmen und die Eiswürfel klackern. Man belohnt sich damit.
Sie waren in den Sozialen Medien sehr erfolgreich mit Videos über Frauen, die ein problematischer Umgang mit Alkohol eint. Auch das wird im Stück thematisiert. Warum haben Sie das gemacht?
Ems: Ich habe mir erst gar nicht viel dabei gedacht. Amy Winehouse, Zelda Fitzgerald, Ingeborg Bachmann, Drew Barrymore – ich habe mich als berühmte Frauen verkleidet, vorgelesen, getanzt, ihre Drinks getrunken. Trotz oder wegen ihrer Exzesse sind diese Frauen legendär. Selbstbestimmt, leidenschaftlich, ein bisschen verrucht. Das kam gut an. Je betrunkener ich in diesen Videos war, desto mehr Klicks bekam ich. Ich hatte Fans! Manche haben mir sogar Sachen gekauft oder Geld geschickt.
Dionysos würde vermutlich sagen: Genau da liegt das Problem. Sie wirft Ihnen allen einen Missbrauch des Rauschs vor. Statt für die Ekstase ein Mittel zum Zweck, zum Durchhalten oder für Profit.
Anja: Ja. Dionysos wirft uns vor, dass wir den Rausch gezähmt haben, dass wir ihn nicht benutzen, um Systeme zu erschüttern, sondern um in ihnen zu funktionieren.
Ems: Und Dionysos ist ja selbst völlig fertig. Wussten Sie, dass sie die Göttin der Ekstase und der Freude ist? Sie war eine echte Partymaus in der Antike, leider ist sie daran zu Grunde gegangen. Heute räumt sie den Plagen hinterher, doch es kommen ständig neue. Sie ist ein Schatten ihrer selbst: eine Göttin, der die Gläubigen abhandengekommen sind.
Anja: Sie hat uns mit einer Frage konfrontiert – was wir tun würden, wenn die Plagen endlich vorbei wären, wenn wir frei wären. Über die große Party hinaus – wenn wir ganz aufhören würden, brav zu funktionieren.
Lieselott: Ich hatte davor immer Angst. Ich wollte nie eine Furie sein. Eine, die laut ist und zügellos. Man schaut solche Frauen schief an.
Ems: Und ein bisschen beneidet man sie.
Würden Sie sagen, dass das im Theaterstück ein Thema ist – die Verteidigung des Rausches?
Ems: In gewisser Weise, aber das allein wäre zu kurz gegriffen. Es geht um ein Mittel, die Ordnung zu stören. Um etwas, das erst mal keine andere Funktion hat außer Lust, Spaß, Musik, Tanz – und damit Energie freisetzt, zu tun, was man möchte.
Anja: Der Rausch kann für einen Moment außer Kraft setzen, was uns sonst kleinhält: Angst, Scham, Kontrolle, Vernunft. Und das ist – an und für sich – ein Zustand, den Frauen erreichen sollten.
Haben Sie jemals herausgefunden, woher die Plagen kamen – und warum sie aufgehört haben?
Lieselott: Nein. Wir hatten eine Vermutung, aber die stellte sich als falsch heraus.
Anja: Wir haben zu trinken aufgehört und wollten wissen, wem wir die Misere verdanken. Aber irgendwann war die bessere Frage nicht mehr, woher die Plagen kommen. Sondern wie es passieren konnte, dass wir uns so gut mit ihnen arrangiert haben.
under the influence
Natalie Baudy
12. August 2026 – 20.00 Uhr Premiere
Theater KOSMOS
Eine Koproduktion von Theater KOSMOS, Bregenzer Festspiele, klagenfurter ensemble und Schauspielhaus Salzburg im Rahmen der Österreichischen Theaterallianz
