Text: Andrea Horz
Der Text erschien in Ausgabe 4 (7/26).
Lesezeit 4 Min.
Am See entsteht Öffentlichkeit
Die Bregenzer Festspiele stehen immer wieder im Fokus der Wissenschaft und öffnen ihre Archive für die Forschung. Prof. Dr. Andrea Horz stellt in ihrem neuesten Forschungsprojekt die Frage, ob und wie das Festival als kulturelle Infrastruktur wirkt.

Wenn im Sommer am Bodensee Oper gespielt wird, tritt klassische Musik aus dem geschlossenen Raum heraus: Ein Opernhaus zeigt sich der Stadt meist durch seine Fassade; die Aufführung selbst bleibt im Inneren verborgen. In Bregenz dagegen kehrt sich dieses Verhältnis um: Das Spiel tritt nach außen. Damit wird Musik in besonderem Maße öffentlich und dadurch entsteht zugleich ein besonderes Sinnbild dessen, wofür die Stadt und das Land stehen: nämlich die Verbindung von Kultur und Natur mit Musik als herausragender Mittelpunkt, der unterschiedlichste Menschen zusammenbringt.

Kultur als kollektive Erfahrung
Die Bregenzer Festspiele werden oft als künstlerisches Ereignis und touristischer Magnet beschrieben. Hier setzt das Forschungsvorhaben an und weitet den Blickwinkel: Die Aufführung auf der Seebühne ist nicht nur ein Festivalabend, sondern zelebrierte Öffentlichkeit. Das Projekt fragt, ob und wie die Bregenzer Festspiele als kulturelle Infrastruktur wirken, als ein regelmäßig gesetzter Ort, an dem klassische Musik lebendige Praxis ist. Neu daran ist ein einfacher, aber folgenreicher Perspektivwechsel. Infrastruktur – das klingt zunächst nach Straßen, Brücken, Energie, Verkehr oder digitalen Netzen. Doch ergibt sich daraus die zentrale These des Forschungsvorhabens: Kulturelle Institutionen benötigen nicht nur Infrastruktur; sie können selbst infrastrukturell wirken.
Am Beispiel der Bregenzer Festspiele lässt sich ausloten, was das konkret bedeutet. Dass Infrastrukturen wichtig sind, ist unumstritten; sie gelten als Eckpfeiler, die es braucht, damit die Gesellschaft funktioniert. Kultur wird hingegen häufig betrachtet als Angebot, das als förderbedürftiger Bereich einen zusätzlichen Kostenfaktor darstellt.
Gerne bringt man an diesem Punkt ins Spiel, dass Festspiele touristische und wirtschaftliche Bedeutung haben. Doch selbst dieser Blickwinkel beschreibt nur einen Teil dessen, was hier geschieht. Die Festspiele ziehen Menschen an: Einheimische und Gäste, Stammpublikum und neugierige Erstbesucher:innen, die vielleicht zunächst nur von der besonderen Atmosphäre am Bodensee fasziniert sind. Gerade diese Mischung macht die Seebühne zu einem sozial durchlässigen Raum. Für die Region gehören die Festspiele zum Jahresrhythmus: Schon Aufbau, Proben und die ersten Berichte über das Bühnenbild kündigen den Sommer an. Auch auf diese Weise sind die Festspiele als kulturelle Infrastruktur essentiell für die Gesellschaft: Sie schaffen kulturelle Teilhabe.

Bastien und Bastienne, 1946
1946 – Ein Festival als Hoffnungsträger?
Besonders prägnant lässt sich das zur Gründungszeit der Bregenzer Festspiele studieren. Denn ihre Anfänge fallen in eine Zeit, in der vieles fehlte: Geld, Material, politische Gewissheiten. Gerade deshalb ist die Entscheidung, eine kulturelle Veranstaltung ins Leben zu rufen, so aufschlussreich. Welche Erwartungen verbanden sich damit? Ging es um künstlerische Möglichkeiten, um gesellschaftliche Orientierung, um regionale Sichtbarkeit oder um ein Zeichen von Zukunft? Daher sind diese Quellen, also Programmhefte, Presseberichte, Sitzungsprotokolle, Aufführungs- und Verwaltungsdokumente, der Ausgangspunkt der Studie. An ihnen lässt sich untersuchen, welche Hoffnungen sich in diesen schwierigen Zeiten mit dieser Kulturinitiative verbanden und ob sich bereits in der Gründungszeit jene infrastrukturellen Funktionen abzeichnen, die heute oft selbstverständlich wirken.

Der Wert abseits von Zahlen
Ein erstes Ergebnis des Forschungsvorhabens zeichnet sich bereits ab: Wer die Bregenzer Festspiele als kulturelle Infrastruktur betrachtet, sieht ihren gesellschaftlichen Wert anders. Damit verändert sich auch der Maßstab, nach dem man Kulturinstitutionen bewertet: nicht allein nach Besucherzahlen, Auslastung, touristischer Wirkung oder wirtschaftlichem Nutzen – so wichtig diese Faktoren bleiben.
Vielmehr kommen Leistungen zum Vorschein, die sich schwerer beziffern lassen. Doch liegt gerade darin die übergeordnete Bedeutung des Projekts: Es fragt danach, was Kulturinstitutionen leisten, bevor man diese Leistungen in Zahlen übersetzt. Beim Spiel auf dem See wird sichtbar, was kulturelle Infrastruktur bedeuten kann: Hier entsteht Öffentlichkeit.
Andrea Horz ist promovierte Musikwissenschaftlerin und Professorin an der Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik und forscht zum Stellenwert von Musik in der Gesellschaft. Am Beispiel der Bregenzer Festspiele fragt sie danach, was Kulturinstitutionen klassischer Musik für die Gesellschaft leisten. Der Beitrag gibt Einblick in eine Forschungsperspektive, die klassische Musik als lebendige öffentliche Praxis versteht.


