Text: Kristina Becker
Der Text erschien in Ausgabe 4 (7/26).
Lesezeit 3 Min.
Die Bühne als Experimentierzone
Bei der diesjährigen Opernstudio-Produktion L’elisir d’amore feiern die Bregenzer Festspiele gleich zweifach Premiere: Erstmals wird eine Intimitätskoordinatorin die Proben und Aufführungen begleiten. Doch was bedeutet Intimitätskoordination im Musiktheater eigentlich?

Eine Gruppe junger Menschen im Gefühlschaos, ein Liebestrank, und das Alles im Highschool-Milieu: Die diesjährige Produktion des Opernstudios L’elisir d’amore von Gaetano Donizetti in der Inszenierung von Anna Kelo steht ganz im Zeichen emotionaler Verwirrung und erotischer Spannungen. Um die noch sehr jungen Sänger:innen zu unterstützen, haben sich die Bregenzer Festspiele in diesem Jahr erstmals dafür entschieden, eine Intimitätskoordinatorin einzusetzen.
Raum schaffen zum Ausprobieren
In erster Linie kennt man diese Expert:innen für die darstellerische Arbeit entlang persönlicher körperlicher Grenzen aus dem Abspann von Kinofilmen. Im Zuge von steigender Awareness und dem Wunsch nach einem angenehmen Arbeitsumfeld werden sie aber auch für (Musik)Theaterproduktionen immer wichtiger. „Oft denkt man, bei Intimitätskoordination geht es darum, jegliche Herausforderung von den Darsteller:innen fernzuhalten“, erklärt Mareike Zimmermann, die als Intimitätskoordinatorin bei der Produktion von L’elisir d’amore zum Einsatz kommt. Ihre Aufgabe sieht sie allerdings in etwas ganz anderem – nämlich darin, eine Atmosphäre zu schaffen, die Raum zum Ausprobieren eröffnet und Kommunikation zwischen Ensemble und künstlerischer Leitung über persönliche Grenzen überhaupt erst möglich macht.
Vom „Safe Space“ zum „Brave Space“
„Als Intimitätskoordinatorin bin ich nicht die Ensemblepolizei“, macht Mareike Zimmermann, die auch als Regisseurin und Dozentin für musikdramatische Darstellung tätig ist, ihre Position deutlich. „Im Gegenteil, ich bin immer auch Verfechterin der künstlerischen Vision. Ich unterstütze aber die Sänger:innen darin, herauszufinden, was für sie in einer bestimmten Szene vielleicht schwierig ist, und helfe ihnen dann, im geschützten Rahmen auch einmal aus ihrer Komfortzone herauszukommen – in die Experimentierzone. Um dort feststellen zu können, wo genau ihre eigenen Grenzen tatsächlich aktuell liegen.“ Das gelingt ihr über Einzelgespräche mit den Darsteller:innen und dem Regieteam, Gruppenworkshops und natürlich über die direkte Begleitung der Proben. Dabei geht es gar nicht nur um Intimität im erotischen Sinn – auch Gewaltdarstellungen, Sterbeszenen oder Trauer sind mitunter Themen, die Intimitätskoordinator:innen mit dem Cast bearbeiten.
„Ich sehe mich als eine allparteiliche Möglichmacherin und Starkmacherin, was die künstlerische Vision und die Ausdrucksmöglichkeiten des Ensembles angeht.“ Natürlich gebe es persönliche und je nach Herkunftsland auch kulturell bedingte Grenzen. Aber Künstler:innen seien grundsätzlich experimentierfreudige Menschen, die sich auch selbst herausfordern möchten. „Es geht mir nicht darum, dass die Bühne ein allgemeiner ‚Safe Space‘ ist, auch wenn das natürlich ein wichtiges Thema ist – sondern dass sie zu einem ‚Brave Space‘, einem ‚Mutraum‘, wird, in dem vieles möglich wird und sich auch die künstlerische Vision der Regie bestmöglich entfalten kann.“ Wie viel Mut und Experimentierfreude uns bei L’elisir d’amore erwartet – das dürfen wir ab dem 17. August in vier Aufführungen auf der Bühne des Theaters am Kornmarkt erleben.
L'elisir d'amore
Gaetano Donizetti
17. August 2026 – 19.30 Uhr Premiere
Theater am Kornmarkt
Eine Produktion des Opernstudios der Bregenzer Festspiele mit freundlicher Unterstützung des internationalen Gesangswettbewerbs NEUE STIMMEN der Liz Mohn Stiftung


